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Versbuch

Des Freundes Besuch

Karl Streckfuß · 17781844

50 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1804

Horch, horch, was reget sich an der Thür,Was flüstert draußen so leise?Mir ist’s, als rufe der Freund nach mir,Mit zärtlicher bittender Weise.Ach! still ist’s im Zimmer —Wenn LämpchenschimmerDoch nur das Dunkel durchdränge!Laß ab vom Gesuche,Die späten BesucheVerbot ja die Mutter so strenge.

Doch immer lauter und lauter schlägtEr an die verschlossene Pforte,Und immer weiter und weiter trägtDer Schall die verrathenden Worte.Ich zittre, ich glühe,Ich bitte dich, fliehe, —O fliehe von dannen behende!Wie könnt’ ich es wagen,Was sollt’ ich nur sagen,Wenn hier noch die Mutter dich fände.

Doch noch ist’s so spät nicht und MondenscheinBlickt her, die Nacht zu zerstreuen —So komme denn, Lieber, so komm herein,Und mache mich’s nicht bereuen.Sey sittig und stille,Es sey nur dein Wille,Mit mir noch ein Weilchen zu plaudern.Schon auf ist die Thüre —So komm doch, verliereDie Zeit nicht mit längerem Zaudern.

Wo bist du, Geliebter, wo bist du hin?Hast du, was ich scherzend gesprochen,Genommen etwa für ernsten Sinn,Und hast dich entweichend gerochen?Du sollst mir verweilen,Ich will dich ereilen ,Zurücke den Fliehenden bringen,Ich will dich versöhnenMit zärtlichen Tönen,Mein Kuß soll dein Zürnen bezwingen.

Du Loser, du Lieber, da bist du ja!Wie hast du mich Arme geschrecket.Ach! sicher warst du mir immer nah,Warst nur zum Belauschen verstecket.Ich bitte dich, schweige,Schon fühl’ ich, es steigeVor Schaam mir das Blut in die Wangen;So komm denn in’s Zimmer,Bey MondenschimmerWird minder die Seele mir bangen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 24-26, 1, J. V. Degen, Wien, 1804
Digitalisat
de.wikisource.org — „Des Freundes Besuch“, Fassung 4.645.512 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Karl Streckfuß starb 1844; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1914 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117313165 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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