Das Riesenkind
Karl Streckfuß · 1778–1844
104 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1834
War einst ein Riesen-Kindlein,Zwölf Jahr alt, ziemlich klein,Vier Spannen lang das Mündlein,Kaum drei die Aeugelein,Sieben Spannen lang die Nase,Sehr wohl proportionirt,Von der Fee, ihrer alten Base,Mit Schönheit hoch geziert.
Der Leib verhältnißmäßig;Sehr artig war’s dazu.Auch war es nicht gefräßig,Zwei Schaf’ und eine Kuh,Die gnügten zu einem Mahle,Dazu ihr ins BecherleinGoß aus dem großen PokaleIhr Vater ein’n Eimer Wein.
Das Mädchen war gütig und billig,Wie stets die Großen sind,Wenn auch ein wenig muthwillig,War ja ein vornehm Kind;Fuhr herum zu Wagen und Schlitten,Ging auch mit schwebendem GangDurchs Feld spazieren, mit Schritten,An funfzehn Klaftern lang.
Einst ging die liebe KleineWeit fort mit lustigem Sinn,Und fühlte müde die Beine,Und streckt’ am Hügel sich hin;Bedeckt’ einen ganzen MorgenVom schönsten Waizenfeld,Und ruht’ ohn’ alle Sorgen,Hatt’ Alles wohl bestellt.
Und sieh, da kam ein BauerHerbei mit Pflug und Gaul,Und sperrte vor Graus und SchauerWeit auf Nase, Aug’ und Maul,Wie er das Kindlein erblickte,Das unserm armen ZwergDas Waizenfeld zerdrückte,Hoch, wie ein ziemlicher Berg.
Die Kleine horcht, was leiseDort unten sich knisternd regt,Meint erst, es wären Mäuse,Lauscht still und unbewegt,Erkennt dann die niedlichen Dinger,Und faßt sich vor Freuden kaum,Legt zurecht zum Haschen die Finger,Stark, wie ein mäßiger Baum.
Und fährt mit dem zarten Händchen,Etwa zwei Klaftern lang,Hervor ein ziemliches Endchen,Gleichwie zum Fliegenfang.Den Gaul, sammt seinem HerrenOb beid’ auch wiehern und schrein,Und zappeln, sich wehren und sperren,Streicht’s rasch ins Schürzchen ein.
Dann läuft sie, wie’s Kinderchen machen,Mit dem Fang frohlockend nach Haus,Und schüttet mit Kichern und LachenAuf den Tisch die Dingerchen aus,Daß beiden die Rippen knacken;Da aber kneipt der PapaDas Kind in die rosiger Backen,Und spricht: Was bringst du da?
Ein Bäuerchen ists und sein Pferdchen,Versetzt die Kleine darauf.Die Gliederchen sieh, die Geberdchen!Sieh nur, jetzt richtet sich’s auf!Jetzt hinkt’s, jetzt schreit’s, jetzt fällt es!O du kleiner, possierlicher Zwerg!Ach, Väterchen, ach, mir gefällt esWie Spielzeug von Nürenberg.
Für solcherlei Scherz empfänglich,Lacht erst der Vater dazu,Doch schüttelt den Kopf dann bedenklich,Und spricht: Du Närrchen, du,Die Bauern, vernimm es, gehörenMit den Rossen zur Arbeit ins Feld;Man muß sie dabei nicht stören,Bevor sie Alles bestellt.
Wir haben hungrige MagenUnd können beinah noch mehrAls hundert Menschen vertragen.Wo aber nimmt man’s her?Das müssen die Bauern schaffenIn unser großes Schloß.Drum schone den armen LaffenUnd achte, wie ihn, sein Roß.
Drum bringe sie Beide lebendigAuf jenes Feld zurück! –Das Mädchen, sehr verständig,Gehorcht’ im Augenblick,Nahm sorglich beid’ in die Hände,Wie man ein Vöglein hält,Und setzte sie behendeAufs zerdrückte Waizenfeld.
Der Bauer, etwas hinkend,Faßt gern sich in Geduld,Gar sehr geehrt sich dünkendVon des Herrn erhabener Huld,Und rühmt sich: Ich kam zum RiesenDurch die Güte seines Kinds!Da ward mir viel Ehr’ erwiesen –’S ist gar ein gnädiger Prinz.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neuere Dichtungen, S. 61–65, 1. Auflage, C. A. Schwetschke und Sohn, Halle, 1834
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Riesenkind“, Fassung 3.090.023 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Streckfuß starb 1844; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1914 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117313165 der Deutschen Nationalbibliothek.
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