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Versbuch

Draußen schneit’s

Joachim Ringelnatz · 18831934

54 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1933

Wir hatten ein Schaukelpferd vorher gekauft.Aber nachher kam gar kein Kind.Darum hatten wir damals das Pferd dann Bubi getauft. –

Weil nun die Holzpreise so unerschwinglich sind;Und ich nun doch schon seit DonnerstagNicht mehr angestellt bin, weil ich nicht mehr mag;Haben wir’s eingeteilt. Und zwar:Die Schaukel selbst für November,Kopf und Beine Dezember,Rumpf mit Sattel für Januar.

Ich gehe nie wieder in die Fabrik.Ich habe das Regelmäßige dick.Da geht das Künstlerische darüber abhanden.Wenn die auch jede Woche bezahlen,Aber nur immer Girlanden und wieder GirlandenAuf Spucknäpfe malen,Die sich die Leute doch nie begucken,Im Gegenteil noch darauf spucken, – –Das bringt ja ein Pferd auf den Hund.

Als freier Künstler kann ich bis mittags liegenBleiben. – Na und die Frau ist gesund.

Es wird sich schon was finden, um Geld beizukriegen.Anna und ich haben vorläufig nunErst mal genug mit dem Bubi zu tun.Rumpf zersägen, Beine rausdrehn,Nägel rausreißen, Fell abschälen.Darüber können Wochen vergehn.Das will auch gelernt und verstanden sein,Sonst kann man sich daran zu Tode quälen.Solches Holz ist härter als Stein.Dann spalten und Späne zum Anzünden schneidenUnd tausenderlei.Aber das tut uns gut, uns beiden,Sich mal so körperlich auszuschwitzen.

Außerdem kann man ja dabeiGanz bequem auf dem Sofa sitzen;Raucht seine Pfeife, trinkt seinen Tee,Und vor allem: Man ist eben frei!Man hat sein eigenes Atelier.Man hat seinen eigenen Herd;Da wird ein Feuerchen angemacht –Mit Bubipferd –,Daß die Esse kracht.Und die Anna singt, und die Anna lacht.Da können wir nach BeliebenDie Arbeit auf später verschieben.

Denn wenn man das Gas uns sperren läßtOder kein Bier ohne Bargeld mehr gibt,Dann kriechen wir gleich nach Mittag ins NestUnd schlafen, solange es uns beliebt.

Freilich: Der feste Lohn fällt nun fort,Aber die Freiheit ist auch was wert.Und das mit dem SchaukelpferdIst jetzt unser Wintersport.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
103 Gedichte, S. 15–17, 1. Auflage, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933
Digitalisat
de.wikisource.org — „Draußen schneit’s“, Fassung 3.779.262 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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