Fußball
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
63 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1920
(nebst Abart und Ausartung)
Der Fußballwahn ist eine Krank-Heit, aber selten, Gott sei Dank.Ich kenne wen, der litt akutAn Fußballwahn und Fußballwut.Sowie er einen GegenstandIn Kugelform und ähnlich fand,So trat er zu und stieß mit KraftIhn in die bunte Nachbarschaft.Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,Ein Käse, Globus oder Igel,Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,Ein Kegelball, ein Kissen war,Und wem der Gegenstand gehörte,Das war etwas, was ihn nicht störte.Bald trieb er eine Schweineblase,Bald steife Hüte durch die Straße.Dann wieder mit geübtem SchwungStieß er den Fuß in Pferdedung.Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.Die Lampenkuppel brach sofort.Das Nachtgeschirr flog zielbewußtDer Tante Berta an die Brust.Kein Abwehrmittel wollte nützen,Nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen,Noch Puffer außen angebracht.Er siegte immer, 0 zu 8.Und übte weiter frisch, fromm, freiMit Totenkopf und Straußenei.Erschreckt durch seine wilden Stöße,Gab man ihm nie Kartoffelklöße.Selbst vor dem Podex und den BrüstenDer Frau ergriff ihn ein Gelüsten,Was er jedoch als Mann von StandAus Höflichkeit meist überwand.Dagegen gab ein SchwartenmagenDem Fleischer Anlaß zum Verklagen.Was beim Gemüsemarkt geschah,Kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.Da schwirrten Äpfel, ApfelsinenDurch Publikum wie wilde Bienen.Da sah man Blutorangen, ZwetschenAn blassen Wangen sich zerquetschen.Das Eigelb überzog die Leiber,Ein Fischkorb platzte zwischen Weiber.Kartoffeln spritzten und Zitronen.Man duckte sich vor den Melonen.Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.Dann donnerten die Kokosnüsse.Genug! Als alles dies getan,Griff unser Held zum Größenwahn.Schon schäkernd mit der U-Bootsmine –Besann er sich auf die Lawine.Doch als pompöser FußballstößerFand er die Erde noch viel größer.Er rang mit mancherlei Problemen.Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?Dann schiffte er von dem BalkonSich ein in einem Luftballon.Und blieb von da an in der Luft,Verschollen. Hat sich selbst verpufft. –Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,Vor dem Gebrauch des Fußballwahns!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Turngedichte, Kurt Wolff Verlag, München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Fußball“, Fassung 3.781.024 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.