Durchmarsch
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
25 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1910
Ich war, durch fernes Rollen erwacht,Hinuntergeeilt. Das war eine Nacht!Wie ein Unwetter zog es auf.Ein polternder Hauf,Mit rohem Tritt eine dröhnende Masse,Unheimliche Schatten, wackelnde Lichter.Kanonenräder rasselten über die Gasse.Menschen – Rosse – Reiter – fremde Gesichter,Klappernd und klirrend, verworren, verwirrend,Ein Hin und Her von unverständlichen Rufen.Pfützen spritzten unter den hastenden Hufen,Klappernde Eisen, Messinggefunkel,Helmbüsche, Spitzen, flatternd und blinkend;In dunstiger Wolke nach Schweiß und Leder stinkend,So zog es vorbei und verschwand langsam im Dunkel.Bis die Ferne das letzte Rollen verschwiegUnd ich lauschte und bebte: – Krieg!
Da stand noch ein Mann in der stillen Nacht.Der hat gelacht.Ich sah ihn nicht lauschen und beben.Er sprach irgend ein leeres Wort.Ich hab ihm nicht Antwort gegeben.Ich schlich mich fortUnd dachte nur:Erbärmliche Kreatur!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 53, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Durchmarsch“, Fassung 2.547.463 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.