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Versbuch

Im Kurpark von Wiesbaden

Heinrich Kämpchen · 18471912

58 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1909

(Ein Stimmungsbild.)

Hier, im Schatten der Plantane,Am klaren Weiher, in milder MailuftRuhe und raste ich. –Wie schmeichelnd umkost der Zephyr Stirn und Wangen mir,Wie kühlend der Lufthauch vom Taunuswald. –Ein Kapua – weich, wohlig ist alles hier –Erde und Himmel. –Der zitternde Nervenstrang, verstimmt, mißhandelt vom Daseinskampf,Von der Hast des Erwerbens, vom schrillen Taglaut –Glättet sich wieder. – Gesundung! Ruhe! –Gesundung! flüstern die Baumriesen, flötet die NachtigallUnd lispeln die unterirdischen Quellen, tief, tief im Erdbauch.Gesundung! Ruhe! –Wie Delos heiliger Hain, wie der singende Wald MerlinsMutet’s mich an – o Schönheit! –Vergessen die Plage, vergessen der Schmerz. –Wandeln in lichten Räumen – funkelnd, prächtig – o Schönheit! –Und auch mir wird wohl – die müden Augen weiten sich wieder,Das Herz pulst frischer, das Ohr lauscht fernen HarmonienUnd die Seele träumt. – Träumt vom Zukunftshoffen,Vom Völkerfrieden, vom Glücke der Menschheit. –— — — — — — — — — — — — — — — — — —Wieder der singende Wald mit dem Liede der Drossel.Der Tag neigt zum Abend. –An mir vorbei flutet das Leben – buntfarbig, wechselnd –Ein Kaleidoskop in immer neuer Gestaltung. –Ich sehe das Weib in allen seinen Stadien von Rasse und Schönheit –In seiner Vollendung an Leib und Seele und –In seinem Tiefgang, umflort vom Gifthauch der Sünde –Aber immer noch schön. –Die blonde Tochter Albions, Frankreichs SylphideUnd das sonnenäugige Kind des Südens. –Schwarz- und goldhaarig – braun und rot –In allen Nuancen und Lichtern. –Asiens Vertreterinnen mit Mandelaugen und Bronzeteint,Das Weib von der Newa und die feurige Sarmatin. –An mir vorbei flutet der Reichtum – goldstrotzend,Schimmernd von edlen Steinen – der Reichtum des Parvenüs. –Aber auch der andere – einfach, vornehm –Mit Geist und Wissen, und ohne Pomp. –Ich sehe den Künstler mit wallendem Haar,Den Mann des Genusses und den ernstsinnenden Forscher.Ich sehe den Fahrstuhl mit seinem Inhalt an Leid und Menschenelend –Geschoben von den Händen des Mietlings im Taglohn. –Aber auch von Eltern- und Kindesliebe, und von der weichen,Kosenden Hand der Gattin und der starken des Gatten. –Mann und Frau geh’n vorüber – alt, gebrechlich, sich stützend –Mit Runzeln und Greisenhaar – aber sich liebend am Lebensabend. –Genesung suchen die Kranken hier von den warmen Quellen,Von der sonnigen Luft und der Kühle des Taunus –Genesung – und die Gesunden Genuß. – O prächtige Stadt!Der Tag geht zur Rüste. Einsam durchrudert ein Schwan den Waldsee –Fontänen stäuben Schaumperlen zum Himmel –Und durch dunkle Baumkronen blinkt das Abendrot. –Langsam erstirbt der Drossel Schlummerlied –Ein Lufthauch vom Taunus – dann Ruhe, Ruhe –Und mählich dämmert die Nacht. –

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Was die Ruhr mir sang, S. 81-82, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
Digitalisat
de.wikisource.org — „Im Kurpark von Wiesbaden (Kämpchen)“, Fassung 1.097.790 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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