Das arme Mädchen
Frank Wedekind · 1864–1918
84 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Böt’ mir Einer, was er wollte,Weil ich arm und elend bin,Nie, und wenn ich sterben sollte,Gäb’ ich meine Ehre hin!Schaudernd eilt das Mädchen weiter,Ohne Obdach, ohne Brot,Das Entsetzen ihr Begleiter,Ihre Zuversicht der Tod.
Es klappert in den LaternenDes Winters eisig Wehn,Am Himmel ist von den SternenKein einziger zu sehn.
Wie sie nun noch eine StreckeWeiter irrt, sieht sie von fernAn der nächsten StraßeneckeEinen ernsten, jungen Herrn.Ihm zu Füßen auf die SteineBricht sie ohne einen Laut,Hält umklammert seine Beine,Und der Herr verwundert schaut:
Wenn dich die Menschen verlassen,Komm auf mein Zimmer mit mir;Jetzt tobt in allen GassenNur wilde Begier.
Und sie folgte seinen Schritten,Hielt sich schüchtern hinter ihm;Jener hat es auch gelitten,Wurde weiter nicht intim.Angelangt auf seinem ZimmerZündet er die Lampe an,Bei des Lichtes mildem SchimmerBald sich ein Gespräch entspann:
Es boten mir wohl VieleEin Obdach für die Nacht,Doch hatten sie zum Ziele,Was mich erschaudern macht.
Ferne sei mir das Verlangen,Sprach der ernste, junge Mann,Dir zu färben deine Wangen,Wenn ich’s nicht durch Güte kann.Bat sie, länger nicht zu weinen,Holte Wurst und kochte Tee,Und am Morgen zog er einenTaler aus dem Portemonnai.
Sie hat ihn bescheiden genommenUnd fand, eh’ der Tag vorbei,Als Plätterin UnterkommenIn einer Wäscherei.
Aber ach, die Tage gingenUnd die Nächte freudlos hin,Bluteswallungen umfingenIhren frommen Kindersinn.Immer mußt’ sie sein gedenken,Der so freundlich zu ihr war,Immer mußt’ den Kopf sie senkenIn der muntern Mädchenschar.
Und eines Abends um neuneHielt sie’s nicht aus,Lief ganz alleineNach seinem Haus.
Er war noch nicht heimgekommen,Sie verkroch sich unters Bett,Bis sie seinen Schritt vernommen,Wo sie gern gejubelt hätt’.Doch sie hielt sich still da unten,Bis er sich zu Bett gelegtUnd den süßen Schlaf gefunden,Dann erst hat sie sich geregt.
Leise wie eine ElfeSchlupft sie zu ihm hinein:Daß Gott mir helfe –Ich bin dein!
Doch da hat er sich erhoben,Wußte erst nicht, was geschah,Hat die Kissen vorgeschoben,Als das Kind er nackend sah:Nein, jetzt will ich dich nicht haben;Wohl dir, daß du mir vertraut!Aber spare deine Gaben,Denn schon morgen bist du Braut!
Er führte binnen acht TagenSie wirklich zum Altar.Es läßt sich gar nicht sagen,Wie glücklich sie war.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das arme Mädchen (Frank Wedekind)“, Fassung 3.779.439 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.
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