Himmelsbräute
Heinrich Heine · 1797–1856
52 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1851
Wer dem Kloster geht vorbeiMitternächtlich, sieht die FensterHell erleuchtet. Ihren UmgangHalten dorten die Gespenster.
Eine düstre ProzessionTodter Ursulinerinnen;Junge, hübsche AngesichterLauschen aus Kapuz’ und Linnen.
Tragen Kerzen in der Hand,Die unheimlich bluthroth schimmern;Seltsam wiederhallt im KreuzgangEin Gewisper und ein Wimmern.
Nach der Kirche geht der Zug,Und sie setzen dort sich niederAuf des Chores BuchsbaumstühleUnd beginnen ihre Lieder.
Litaneienfromme Weisen,Aber wahnsinnwüste Worte;Arme Seelen sind es, welchePochen an des Himmels Pforte.
„Bräute Christi waren wir,Doch die Weltlust und bethörte,Und da gaben wir dem Cäsar,Was dem lieben Gott gehörte.
„Reizend ist die UniformUnd des Schnurrbarts Glanz und Glätte;Doch verlockend sind am meistenCäsars goldne Epaulette.
„Ach der Stirne, welche trugEine Dornenkrone weiland,Gaben wir ein Hirschgeweihe –Wir betrogen unsern Heiland.
„Jesus, der die Güte selbst,Weinte sanft ob unserer Fehle,Und er sprach: VermaledeitUnd verdammt sei eure Seele!
„Grabentstieg’ner Spuk der Nacht,Müssen büßend wir nunmehreIrre gehn in diesen Mauern –Miserere! Miserere!
„Ach, im Grabe ist es gut,Ob es gleich viel besser wäreIn dem warmen Himmelreiche –Miserere! Miserere!
„Süßer Jesus, o vergiebEndlich uns die Schuld, die schwere,Schließ’ uns auf den warmen Himmel –Miserere! Miserere!“
Also singt die Nonnenschaar,Und ein längst verstorb’ner KüsterSpielt die Orgel. SchattenhändeStürmen toll durch die Register.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Romanzero, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1851. Seiten 59–61., Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Himmelsbräute“, Fassung 4.652.437 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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