Präludium
Heinrich Heine · 1797–1856
80 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1851
Dieses ist Amerika!Dieses ist die neue Welt!Nicht die heutige, die schonEuropäisiret abwelkt. –
Dieses ist die neue Welt!Wie sie Christoval KolumbusAus dem Ocean hervorzog.Glänzet noch in Fluthenfrische,
Träufelt noch von Wasserperlen,Die zerstieben, farbensprühend,Wenn sie küßt das Licht der Sonne.Wie gesund ist diese Welt!
Ist kein Kirchhof der Romantik,Ist kein alter ScherbenbergVon verschimmelten SymbolenUnd versteinerten Perucken.
Aus gesundem Boden sprossenAuch gesunde Bäume – keinerIst blasirt und keiner hatIn dem Rückgratmark die Schwindsucht.
Auf den Baumes-Aesten schaukelnGroße Vögel. Ihr GefiederFarbenschillernd. Mit den ernsthaftLangen Schnäbeln und mit Augen,
Brillenartig schwarz umrändert,Schaun sie auf dich nieder, schweigsam –Bis sie plötzlich schrillend aufschrei’nUnd wie Kaffeeschwestern schnattern.
Doch ich weiß nicht, was sie sagen,Ob ich gleich der Vögel SprachenKundig bin wie Salomo,Welcher tausend Weiber hatte,
Und die Vögelsprachen kannte,Die modernen nicht allein,Sondern auch die todten, alten,Ausgestopften Dialecte.
Neuer Boden, neue Blumen!Neue Blumen, neue Düfte!Unerhörte, wilde Düfte,Die mir in die Nase dringen,
Neckend, prickelnd, leidenschaftlich –Und mein grübelnder GeruchsinnQuält sich ab: Wo hab’ ich dennJe dergleichen schon gerochen?
War’s vielleicht auf Regentstreet,In den sonnig gelben ArmenJener schlanken Javanesin,Die beständig Blumen kaute?
Oder war’s zu Rotterdam,Neben des Erasmi Bildsäul’,In der weißen WaffelbudeMit geheimnißvollem Vorhang?
Während ich die neue WeltSolcher Art verdutzt betrachte,Schein’ ich selbst ihr einzuflößenNoch viel größre Scheu – Ein Affe,
Der erschreckt in’s Buschwerk forthuscht,Schlägt ein Kreuz bei meinem Anblick,Angstvoll rufend: „Ein Gespenst!Ein Gespenst der alten Welt!“
Affe! fürcht’ dich nicht, ich binKein Gespenst, ich bin kein Spuk;Leben kocht in meinen Adern,Bin des Lebens treuster Sohn.
Doch durch jahrelangen UmgangMit den Todten, nahm ich anDer Verstorbenen ManierenUnd geheime Seltsamkeiten.
Meine schönsten Lebensjahre,Die verbracht’ ich im Kiffhäuser,Auch im Venusberg und andernKatakomben der Romantik.
Fürcht’ dich nicht vor mir, mein Affe!Bin dir hold, denn auf dem haarlosLedern abgeschabten HinternTrägst du Farben, die ich liebe.
Theure Farben! Schwarz-roth-goldgelb!Diese Affensteißcouleuren,Sie erinnern mich mit WehmuthAn das Banner Barbarossa’s.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Romanzero. Erstes Buch: Historien. Seiten 84-88, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Präludium (Heine)“, Fassung 2.317.371 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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