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Versbuch

Prinzessin Sabbath

Heinrich Heine · 17971856

152 Zeilen in 38 Strophen · zuerst gedruckt 1851

In Arabiens MährchenbucheSehen wir verwünschte Prinzen,Die zu Zeiten ihre schöneUrgestalt zurückgewinnen:

Das behaarte UngeheuerIst ein Königssohn geworden;Schmuckreich glänzend angekleidet,Auch verliebt die Flöte blasend.

Doch die Zauberfrist zerrinnt,Und wir schauen plötzlich wiederSeine königliche HoheitIn ein Ungethüm verzottelt.

Einen Prinzen solchen SchicksalsSingt mein Lied. Er ist geheißenIsrael. Ihn hat verwandeltHexenspruch in einen Hund.

Hund mit hündischen Gedanken,Kötert er die ganze WocheDurch des Lebens Koth und Kehricht,Gassenbuben zum Gespötte.

Aber jeden Freitag Abend,In der Dämmrungstunde, plötzlichWeicht der Zauber, und der HundWird aufs Neu’ ein menschlich Wesen.

Mensch mit menschlichen Gefühlen,Mit erhobnem Haupt und Herzen,Festlich, reinlich schier gekleidet,Tritt er in des Vaters Halle.

„Sei gegrüßt, geliebte HalleMeines königlichen Vaters!Zelte Jakob’s, Eure heil’genEingangspfosten küßt mein Mund!“

Durch das Haus geheimnißvollZieht ein Wispern und ein Weben,Und der unsichtbare HausherrAthmet schaurig in der Stille.

Stille! Nur der Seneschall(Vulgo Synagogendiener)Springt geschäftig auf und nieder,Um die Lampen anzuzünden.

Trostverheißend goldne Lichter,Wie sie glänzen, wie sie glimmern!Stolz aufflackern auch die KerzenAuf der Brüstung des Almemors.

Vor dem Schreine, der die ThoraAufbewahret, und verhängt istMit der kostbar seidnen Decke,Die von Edelsteinen funkelt –

Dort an seinem BetpultständerSteht schon der Gemeindesänger;Schmuckes Männchen, das sein schwarzesMäntelchen kokett geachselt.

Um die weiße Hand zu zeigen,Haspelt er am Halse, seltsamAn die Schläf’ den Zeigefinger,An die Kehl’ den Daumen drückend.

Trällert vor sich hin ganz leise,Bis er endlich lautaufjubelndSeine Stimm’ erhebt und singt:Lecho Daudi Likras Kalle!

Lecho Daudi Likras Kalle –Komm’, Geliebter, deiner harretSchon die Braut, die dir entschleiertIhr verschämtes Angesicht!

Dieses hübsche HochzeitcarmenIst gedichtet von dem großen,Hochberühmten MinnesingerDon Jehuda ben Halevy.

In dem Liede wird gefeiertDie Vermählung IsraelsMit der Frau Prinzessin Sabbath,Die man nennt die stille Fürstin.

Perl’ und Blume aller SchönheitIst die Fürstin. Schöner warNicht die Königin von Saba,Salomonis Busenfreundin,

Die, ein Blaustrumpf Aethiopiens,Durch Esprit brilliren wollte,Und mit ihren klugen RäthselnAuf die Länge fatigant ward.

Die Prinzessin Sabbath, welcheJa die personifizirteRuhe ist, verabscheut alleGeisteskämpfe und Debatten.

Gleich fatal ist ihr die trampelndDeclamirende Passion,Jenes Pathos, das mit flatterndAufgelöstem Haar einherstürmt.

Sittsam birgt die stille FürstinIn der Haube ihre Zöpfe;Blickt so sanft wie die Gazelle,Blüht so schlank wie eine Addas.

Sie erlaubt dem Liebsten alles,Ausgenommen Tabakrauchen –„Liebster! rauchen ist verboten,Weil es heute Sabbath ist.

„Dafür aber heute MittagSoll dir dampfen, zum Ersatz,Ein Gericht, das wahrhaft göttlich –Heute sollst du Schalet essen!“

Schalet, schöner Götterfunken,Tochter aus Elysium!Also klänge Schiller’s Hochlied,Hätt’ er Schalet je gekostet.

Schalet ist die Himmelspeise,Die der liebe Herrgott selberEinst den Moses kochen lehrteAuf dem Berge Sinai,

Wo der Allerhöchste gleichfallsAll die guten GlaubenslehrenUnd die heil’gen zehn GeboteWetterleuchtend offenbarte.

Schalet ist des wahren GottesKoscheres Ambrosia,Wonnebrod des Paradieses,Und mit solcher Kost verglichen

Ist nur eitel TeufelsdreckDas Ambrosia der falschenHeidengötter Griechenlands,Die verkappte Teufel waren.

Speist der Prinz von solcher Speise,Glänzt sein Auge wie verkläret,Und er knöpfet auf die Weste,Und er spricht mit sel’gem Lächeln:

„Hör’ ich nicht den Jordan rauschen?Sind das nicht die BrüßelbrunnenIn dem Palmenthal von Beth-El,Wo gelagert die Kameele?

„Hör ich nicht die Heerdenglöckchen?Sind das nicht die fetten Hämmel,Die vom Gileath-GebirgeAbendlich der Hirt herabtreibt?“

Doch der schöne Tage verflittert;Wie mit langen SchattenbeinenKommt geschritten der VerwünschungBöse Stund’ – es seufzt der Prinz.

Ist ihm doch als griffen eiskaltHexenfinger in sein Herze.Schon durchrieseln ihn die SchauerHündischer Metamorphose.

Die Prinzessin reicht dem PrinzenIhre güldne Nardenbüchse.Langsam riecht er – Will sich labenNoch einmal an Wohlgerüchen.

Es kredenzet die PrinzessinAuch den Abschiedstrunk dem Prinzen –Hastig trinkt er, und im BecherBleiben wen’ge Tropfen nur.

Er besprengt damit den Tisch,Nimmt alsdann ein kleines Wachslicht,Und er tunkt es in die Nässe,Daß es knistert und erlischt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero. Drittes Buch: Hebräische Melodien. Seite 205-212, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Prinzessin Sabbath“, Fassung 2.245.942 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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