Das Liedchen von der Reue
Heinrich Heine · 1797–1856
52 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Herr Ulrich reitet im grünen Wald,Die Blätter lustig rauschen.Er sieht eine holde MädchengestaltDurch Baumeszweige lauschen.
Der Junker spricht: Wohl kenne ichDies blühende, glühende Bildniß,Verlockend stets umschwebt es michIn Volksgewühl und Wildniß.
Zwei Röslein sind die Lippen dort,Die lieblichen, die frischen;Doch manches häßlich bitt’re WortSchleicht tückisch oft dazwischen.
Drum gleicht dies Mündlein gar genauDen hübschen Rosenbüschen,Wo gift’ge Schlangen wunderschlauIm dunkeln Laube zischen.
Dort jenes Grübchen wunderliebIn wunderlieben Wangen,Das ist die Grube, worein mich triebWahnsinniges Verlangen.
Dort seh’ ich ein schönes LockenhaarVom schönsten Köpfchen hangen;Das sind die Netze wunderbar,Womit mich der Böse gefangen.
Und jenes blaue Auge dort,So klar, wie stille Welle,Das hielt ich für des Himmels Pfort’,Doch war’s die Pforte der Hölle. –
Herr Ulrich reitet weiter im Wald,Die Blätter rauschen schaurig.Da sieht er von fern eine zweite Gestalt,Die ist so bleich, so traurig.
Der Junker spricht: O Mutter dort,Die mich so mütterlich liebte,Der ich mit bösem Thun und WortDas Leben bitterlich trübte!
O, könnt ich dir trocknen die Augen naß,Mit der Gluth von meinen Schmerzen!O, könnt ich dir röthen die Wangen blaßMit dem Blut aus meinem Herzen!
Und weiter reitet Herr Ulerich,Im Wald beginnt es zu düstern,Viel seltsame Stimmen regen sich,Die Abendwinde flüstern.
Der Junker hört die Worte seinGar vielfach wiederklingen.Das thaten die spöttischen Waldvöglein,Die zwitschern laut und singen:
Herr Ulrich singt ein hübsches Lied,Das Liedchen von der Reue,Und hat er zu Ende gesungen das Lied,So singt er es wieder auf’s Neue.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Junge Leiden, Romanzen, S. 79–81, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Liedchen von der Reue (1827)“, Fassung 3.089.422 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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