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Versbuch

Geoffroy Rudèl und Melisande von Tripoli

Heinrich Heine · 17971856

68 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1851

In dem Schlosse Blay erblickt manDie Tapete an den Wänden,So die Gräfin TripolisEinst gestickt mit klugen Händen.

Ihre ganze Seele stickteSie hinein, und LiebesthräneHat gefeyt das seidne Bildwerk,Welches darstellt jene Scene:

Wie die Gräfin den RudèlSterbend sah am Strande liegen,Und das Urbild ihrer SehnsuchtGleich erkannt’ in seinen Zügen.

Auch Rudèl hat hier zum erstenUnd zum letzten Mal erblicketIn der Wirklichkeit die Dame,Die ihn oft im Traum entzücket.

Ueber ihn beugt sich die Gräfin,Hält ihn liebevoll umschlungen,Küßt den todesbleichen Mund,Der so schön ihr Lob gesungen!

Ach! der Kuß des Willkomms wurdeAuch zugleich der Kuß des Scheidens,Und so leerten sie den KelchHöchster Lust und tiefsten Leidens.

In dem Schlosse Blay allnächtlichGiebt’s ein Rauschen, Knistern, Beben,Die Figuren der TapeteFangen plötzlich an zu leben.

Troubadour und Dame schüttelnDie verschlafnen Schattenglieder,Treten aus der Wand und wandelnDurch die Säle auf und nieder.

Trautes Flüstern, sanftes Tändeln,Wehmuthsüße Heimlichkeiten,Und posthume GalantrieAus des Minnesanges Zeiten:

„Geoffroy! Mein todtes HerzWird erwärmt von deiner Stimme,In den längst erloschnen KohlenFühl’ ich wieder ein Geglimme!“

„„Melisande! Glück und BlumeWenn ich dir in’s Auge sehe,Leb’ ich auf – gestorben istNur mein Erdenleid und -Wehe.““

„Geoffroy! Wir liebten unsEinst im Traume, und jetzunderLieben wir uns gar im Tode –Gott Amur that dieses Wunder!“

„„Melisande! Was ist Traum?Was ist Tod? Nur eitel Töne.In der Liebe nur ist Wahrheit,Und dich lieb’ ich, ewig Schöne.““

„Geoffroy! Wie traulich ist esHier im stillen Mondscheinsaale,Möchte nicht mehr draußen wandelnIn des Tages Sonnenstrahle.“

„„Melisande! theure Närrin,Du bist selber Licht und Sonne,Wo du wandelst, blüht der Frühling,Sprossen Lieb’ und Maienwonne!““

Also kosen, also wandelnJene zärtlichen GespensterAuf und ab, derweil das MondlichtLauschet durch die Bogenfenster.

Doch den holden Spuk vertreibend,Kommt am End die Morgenröthe –Jene huschen scheu zurückIn die Wand, in die Tapete.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero. Erstes Buch. Historien. Seiten 68-71, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Geoffroy Rudèl und Melisande von Tripoli“, Fassung 4.653.005 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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