Götterdämmerung
Heinrich Heine · 1797–1856
89 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Der May ist da mit seinen goldnen Lichtern,Und seidnen Lüften und gewürzten Düften,Und freundlich lockt er mit den weißen Blüthen,Und grüßt aus tausend blauen Veilchenaugen,Und breitet aus den blumreich grünen Teppich,Durchwebt mit Sonnenschein und Morgenthau,Und ruft herbei die lieben Menschenkinder.Das blöde Volk gehorcht dem ersten Ruf;Die Männer ziehn die Nankinhosen an,Und Sonntagsröck’ mit goldnen Spiegelknöpfen;Die Frauen kleiden sich in Unschuldweiß,Jünglinge kräuseln sich den Frühlingsschnurrbart,Jungfrauen lassen ihre Busen wallen,Die Stadtpoeten stecken in die TaschePapier und Bleistift und Lorgnett’; und jubelndZieht nach dem Thor die krausbewegte Schaar,Und lagert draußen sich auf grünem Rasen,Bewundert, wie die Bäume fleißig wachsen,Spielt mit den bunten, zarten Blümelein,Horcht auf den Sang der lust’gen Vögelein,Und jauchzt hinauf zum blauen Himmelszelt.
Zu mir kam auch der Mai. Er klopfte dreimalAn meine Thür’, und rief: Ich bin der Mai,Du bleicher Träumer, komm, ich will dich küssen!Ich hielt verriegelt meine Thür’, und rief:Vergebens lockst du mich, du schlimmer Gast;Ich habe dich durchschaut, ich hab’ durchschautDen Bau der Welt, und hab’ zu viel geschaut,Und viel zu tief, und hin ist alle Freude,Und ew’ge Qualen zogen in mein Herz.Ich schaue durch die steinern harten RindenDer Menschenhäuser und der Menschenherzen,Und schau’ in beiden Lug und Trug und Elend.Auf den Gesichtern les’ ich die Gedanken,Viel schlimme. In der Jungfrau Scham-ErröthenSeh’ ich geheime Lust begehrlich zittern;Auf dem begeistert stolzen Jünglingshaupt’Seh’ ich die bunte Schellenkappe sitzen;Und Fratzenbilder nur und sieche SchattenSeh’ ich auf dieser Erde, und ich weiß nicht,Ist sie ein Tollhaus oder Krankenhaus.Ich sehe durch den Grund der alten Erde,Als sey sie von Kristall, und seh’ das Grausen,Das mit dem freud’gen Grüne zu bedeckenDer Mai vergeblich strebt. Ich seh’ die Todten,Sie liegen unten in den schmalen Särgen,Die Händ’ gefaltet und die Augen offen,Weiß das Gewand und weiß das Angesicht,Und durch die gelben Lippen kriechen Würmer.Ich seh’, der Sohn setzt sich mit seiner BuhleZur Kurzweil nieder auf des Vaters Grab;Spottlieder singen rings die Nachtigallen;Die sanften Wiesenblümchen lachen hämisch,Der todte Vater regt sich in dem Grab’,Und schmerzhaft zuckt die alte Mutter Erde.
Du arme Erde, deine Schmerzen kenn’ ich!Ich seh’ die Gluth in deinem Busen wühlen,Und deine tausend Adern seh’ ich bluten,Und seh’, wie deine Wunde klaffend aufreißt,Und wild hervorströmt Flamm’ und Rauch und Blut.Ich seh’ die Riesensöhn’ der alten Nacht,Sie steigen aus der Erde off’nem Schlund,Und schwingen rothe Fackeln in den Händen,Und legen ihre Eisenleiter an,Und stürmen wild hinauf zur Himmelsveste;Und schwarze Zwerge klettern nach; und knisterndZerstieben droben alle goldnen Sterne.Mit frecher Hand reißt man den goldnen VorhangVom Zelte Gottes, heulend stürzen nieder,Auf’s Angesicht, die frommen Engelschaaren.Auf seinem Throne sitzt der bleiche Gott,Reißt sich vom Haupt die Kron’, zerrauft sein Haar –Und näher drängt heran die wilde Rotte;Die Riesen werfen ihre rothen FackelnIn’s Reich der Ewigkeit, die Zwerge schlagenMit Flammengeißeln auf der Englein Rücken;Die winden sich und krümmen sich vor Qualen,Und werden bei den Haaren fortgeschleudert.Und meinen eignen Engel seh’ ich dort,Mit seinen blonden Locken, süßen Zügen,Und mit der ew’gen Liebe um den Mund,Und mit der Seligkeit im blauen Auge –Und ein entsetzlich häßlich schwarzer KoboldReißt ihn vom Boden, meinen bleichen Engel,Beäugelt grinsend seine edlen Glieder,Umschlingt ihn fest mit zärtlicher Umschlingung –Und gellend dröhnt ein Schrei durch’s ganze Weltall,Die Säulen brechen, Erd’ und Himmel stürzenZusammen, und es herrscht die alte Nacht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Die Heimkehr, S. 258–261, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Götterdämmerung (Buch der Lieder 1827)“, Fassung 3.837.880 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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