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Versbuch

Almansor

Heinrich Heine · 17971856

116 Zeilen in 29 Strophen · zuerst gedruckt 1827

In dem Dome zu CorduvaStehen Säulen, dreizehnhundert,Dreizehnhundert RiesensäulenTragen die gewalt’ge Kuppel.

Und auf Säulen, Kuppel, Wänden,Ziehn von oben sich bis untenDes Corans arab’sche Sprüche,Klug und blumenhaft verschlungen.

Mohrenkön’ge bauten weilandDieses Haus zu Allahs Ruhme,Doch hat Alles sich verwandeltIn der Zeiten dunkelm Strudel.

Auf dem Thurme, wo der ThürmerZum Gebete aufgerufen,Hebt sich jetzt der ChristenglockenMelancholisches Gesumme.

Auf den Stufen, wo die Gläub’genDas Prophetenwort gesungen,Zeigen jetzt die GlatzenpfäffleinIhrer Messe fades Wunder.

Und das ist ein Drehn und WindenVor den buntbemalten Puppen,Und das blöckt und dampft und klingelt,Und die dummen Kerzen funkeln.

In dem Dome zu CorduvaSteht Almansor ben Abdullah,All die Säulen still betrachtend,Und die stillen Worte murmelnd:

„O, ihr Säulen, stark und riesig,Einst geschmückt zu Allahs Ruhme,Jetzo müßt Ihr dienend huld’genDem verhaßten Christenthume!

„Ihr bequemt Euch in die Zeiten,Und Ihr tragt die Last geduldig; –Ei, da muß ja wohl der Schwäch’reNoch viel leichter sich beruh’gen.“

Und sein Haupt, mit heiterm Antlitz,Beugt Almansor ben AbdullahUeber den gezierten Taufstein,In dem Dome zu Corduva.

Hastig schritt er aus dem Dome,Jagte fort auf seinem Rappen,Daß im Wind die feuchten LockenUnd des Hutes Federn wallen.

Auf dem Weg’ nach Alkolea,Dem Guadalquivir entlange,Wo die weißen Mandeln blühen,Und die duft’gen Gold-Orangen;

Dorten jagt der lust’ge Ritter,Pfeift und singt, und lacht behaglich.Und es stimmen ein die Vögel,Und des Stromes laute Wasser.

In dem Schloß zu AlkoleaWohnet Clara de Alvares,In Navarra kämpft ihr Vater,Und sie freut sich mindern Zwanges.

Und Allmansor hört schon fernePauken und Trommeten schallen,Und er sieht des Schlosses LichterBlitzen durch der Bäume Schatten.

In dem Schloß zu AlkoleaTanzen zwölf geschmückte Damen,Tanzen zwölf geschmückte Ritter,Doch am schönsten tanzt Almansor.

Wie beschwingt von muntrer LauneFlattert er herum im Saale,Und er weiß den Damen allenSüße Schmeichelein zu sagen.

Isabellens schöne HändeKüßt er rasch, und springt von dannen;Und er setzt sich vor ElvirenUnd er schaut ihr froh in’s Antlitz.

Lachend fragt er Leonoren:Ob er heute ihr gefalle?Und er zeigt die goldnen KreuzeEingestickt in seinen Mantel.

Und zu jeder Dame spricht er:Daß er sie im Herzen trage;Und „so wahr ich Christ bin“ schwört erDreißig Mal an jenem Abend.

In dem Schloß zu AlkoleaIst verschollen Lust und Klingen,Herr’n und Damen sind verschwunden,Und erloschen sind die Lichter.

Donna Clara und AlmansorSind allein im Saal geblieben;Einsam streut die letzte LampeUeber beide ihren Schimmer.

Auf dem Sessel sitzt die Dame,Auf dem Schemel sitzt der Ritter,Und sein Haupt, das schlummermüde,Ruht auf den geliebten Knieen.

Rosenöhl, aus gold’nem Fläschchen,Gießt die Dame, sorgsam sinnend,Auf Almansors braune Locken –Und er seufzt aus Herzenstiefe.

Süßen Kuß, mit sanftem Munde,Drückt die Dame, sorgsam sinnend,Auf Almansors braune Locken –Und es wölkt sich seine Stirne.

Thränenfluth, aus lichten Augen,Weint die Dame, sorgsam sinnend,Auf Almansors braune Locken –Und es zuckt um seine Lippen.

Und er träumt: er stehe wieder,Tief das Haupt gebeugt und triefend,In dem Dom zu Corduva,Und er hört’ viel dunkle Stimmen.

All die hohen RiesensäulenHört er murmeln unmuthgrimmig,Länger wollen sie’s nicht tragen,Und sie wanken und sie zittern;

Und sie brechen wild zusammen,Es erbleichen Volk und Priester,Krachend stürzt herab die Kuppel,Und die Christengötter wimmern.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Buch der Lieder, Die Heimkehr, S. 272–278, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
Digitalisat
de.wikisource.org — „Almansor (Buch der Lieder 1827)“, Fassung 3.838.685 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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