An den Nachtwächter
Heinrich Heine · 1797–1856
31 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1844
XIX.An den Nachtwächter.(Bei späterer Gelegenheit.)
Verschlechtert sich nicht dein Herz und dein Styl,So magst du treiben jedwedes Spiel;Mein Freund, ich werde dich nie verkennen,Und sollt’ ich dich auch Herr Hofrath nennen.
Sie machen jetzt ein großes Geschrey,Von wegen deiner Verhofrätherey,Vom Seinestrand bis an der ElbeHört’ ich seit Monden immer dasselbe:
Die Fortschrittsbeine hätten sichIn Rückschrittsbeine verwandelt – O, sprich,Reitest du wirklich auf schwäbischen Krebsen?Aeugelst du wirklich mit fürstlichen Kebsen?
Vielleicht bist du müde und sehnst dich nach Schlaf.Du hast die Nacht hindurch so bravGeblasen, jetzt hängst du das Horn an den Nagel:Mag tuten wer will für den deutschen Jan Hagel!
Du legst dich zu Bette und schließest zuDie Augen, doch läßt man dich nicht in Ruh.Vor deinem Fenster spotten die Schreyer:„Brutus, du schläfst? Wach auf, Befreyer!“
Ach! so ein Schreyer weiß nicht warumDer beste Nachtwächter wird endlich stumm,Es ahndet nicht so ein junger Maulheld,Warum der Mensch am End’ das Maul hält.
Du fragst mich, wie es uns hier ergeht?Hier ist es still, kein Windchen weht,Die Wetterfahnen sind sehr verlegen,Sie wissen nicht wohin sich bewegen...
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, Zeitgedichte. S. 264–265, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An den Nachtwächter“, Fassung 1.375.170 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.