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Versbuch

Erst achtzehn Jahr

Georg Weerth · 18221856

80 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1886

Ein letztes Glüh’n! Da zog an britt’scher KüsteDämmernd herauf die schönste Winternacht;Im Mondenstrahle floß die WasserwüsteUnd auf den Hügeln lag des Schnees Pracht.Leer das Gestad. Es schwieg der Dämpfer Sausen;Matros’ und Krieger war des Tages matt; –Doch durch die Stille sandte dumpf ihr BrausenLondon, der Themse dunkle Riesenstadt.

Ihr galt es gleich, mocht’ auch der Schlummer drückenManch müdes Auge zu ersehnter Ruh;Es wälzte donnernd über Park und BrückenDerselbe Lärm sich nur dem Morgen zu.Zaubrisch und still da draußen das Gefild!Hier nur das Volk, in buntem Strome, wildZusammenfluthend, schaffend, ringend, suchend,Schwelgend und darbend, betend bald und fluchend!

Und Schimmern rings, von Dach und Thor und Fenster;Dort buhlt die Luft in seidenem Gewand!Hier über’m Golde höhnische GespensterUnd dort geballt die mag’re Bettlerhand!Ein Seufzer hier; ein Kuß dort! von TerrassenUnd Treppen: Jubel, Flüstern und Gestöhn –Das ist der Tanz, in dem auf London’s GassenSich rastlos zwei Millionen Menschen dreh’n!

Er brauste fort. Da hob auch Sie vom LagerSich sacht empor; es fiel der Sterne LichtAuf die Gestalt so tief gebeugt, so hager,Und auf ihr bleiches, starres Angesicht.Sie sann; – nur einen Augenblick; – sie preßteDas kranke Kind an ihre nackte Brust; –Das arme Weib schritt rasch durch die Paläste;Ach! das Wohin – sie hat es nicht gewußt!

„Der Mutter Brot! und Kleider diesem Kinde!“So rief sie. „O, wie toll das Herz mir schlägt!Gern trüg’ ich dich, mein Sohn, so warm und linde,Wie wohl die Mutter ihre Kinder trägt.Noch ist es Zeit! Bist du erst groß gezogenUnd siehst am Strand der Schiffe bunte Schaar:Da eil’st du treulos durch die blauen Wogen,Ein wilder Seemann, wie dein Vater war!“

„Dein Vater? Still! – das war ein sel’ger Morgen,Als weinend ich an seiner Brust erwacht!Es kam der Mai, der Juni drauf, verborgenHielt ich, was früh mich schon so bleich gemacht.Erst als im Herbst das gelbe Laub der BäumeLeis rauschend in die grüne Themse fiel:Da ward erfüllt der schönste meiner Träume –Und achtzehn Jahr, da steh’ ich schon am Ziel!“

Erst achtzehn Jahr! und schon so fahl mein Leben!Erst achtzehn Jahr! und arm und elend schon!Doch halt! – froh will ich meine Stirne heben,Dem Vaterlande gab ich diesen Sohn!Ha! reizt denn Niemand mein so junger Leib?Sagt, die ihr klirrt mit Kreuzen und mit Ketten,Seid ihr nicht reich genug, um nur ein Weib,Ein brittisch Weib vom Hungertod zu retten?“

Sie schwieg. Dem Gott, der niemals sie erhörte,Sie sandte kein Gebet ihm himmelwärts.Trüb ward ihr Blick. – Das siedend sich empörte,Ihr Blut, zu Eis gerann’s; – ausschlug ihr Herz!Die Lippe bebend jetzt von einem Fluche! –Ein Lächeln dann – sie sank, – rings tiefe Ruh –Und die Natur mit schnee’gem LeichentucheDeckte das reinste ihrer Kinder zu! –

Geschloss’nen Aug’s, erstarrt der Knabe lagFest an der Mutter marmorkalten Brüsten,Als weit ein Leuchten durch den Nebel brachUnd Sonnenstrahlen Strom und Hügel küs’ten:Fern von Westminster feierlich Geläut, –So tönt es an der Kön’ge Sarkophagen; –Es klang so weit, – es war als müßt’ es heut’Rings nur der Welt den Tod der Armen klagen! –

Die Glocke klang – doch nicht für dich gerührt,Armselig Weib! Getrost! laß sie erdröhnenDen todten Kön’gen nur. Dir ja gebührt,Du früh Verblich’ne, wohl ein ander Tönen.Dir tönt der Schrei, den jüngst die Noth gepreßtAus tausend Herzen; der in Ost und WestDie Völker ruft in einen Bund zusammen –Und deine Mörder werden sie verdammen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Vorwärts, 1. Auflage, Volksbuchhandlung in Hottingen, Zürich, 1886
Digitalisat
de.wikisource.org — „Erst achtzehn Jahr“, Fassung 4.194.237 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Weerth starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117208612 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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