Gruft
Georg Heym · 1887–1912
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1911
Die in der großen Gruft des Todes ruhen,Wie schlafen sie so stumm im hohlen Sarg.Des Todes Auge schaut auf stumme TruhenAus schwarzem Marmorhaupte hohl und karg.
Sein dunkler Mantel starrt von Staub und Spinnen.Vor alters schlossen sie der Toten Gruft.Vergessen wohnen sie. Die Jahre rinnenEin unbewegter Strom in dumpfer Luft.
Nach Weihrauch duftet es und morschen Kränzen,Von trocknen Salben ist die Luft beschwert.Und in geborstnen Särgen schwimmt das GlänzenDer Totenkleider, dran Verwesung zehrt.
Aus einer Fuge hängt die schmale HandVon einem Kind, wie Wachs so weiß und kalt,Die, balsamiert, sich um das SammetbandDer schon in Staub zerfallnen Blumen krallt.
Durch kleine Fenster hoch im Dunkel obenVerirrt sich gelb des Winterabends Schein.Sein schmales Band, mit blassem Staub verwoben,Ruht auf der Sarkophage grauem Stein.
Der Wind zerschlägt ein Fenster. Aus den HändenNimmt er der Toten dürre Kränze fortUnd treibt sie vor sich hin an hohen Wänden,In ewigen Schatten weit und dunklen Ort.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der ewige Tag. S. 34, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gruft“, Fassung 722.483 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.
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