Herbst
Georg Heym · 1887–1912
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1911
Die Faune treten aus den Wäldern alle,Des Herbstes Chor. Ein ungeheurer Kranz.Die Hände haltend, springen sie zum SchalleDer Widderhörner froh zu Tal im Tanz.
Der Lenden Felle schüttern von dem Sturze,Die weiß und schwarz wie Ziegenvließ gefleckt.Der starke Nacken stößt empor das kurzeGehörn, das sich aus rotem Weinlaub streckt.
Die Hufe schallen, die vom Horne starken.Den Thyrsus haun sie auf die Felsen laut.Der Paian tönt in die besonnten Marken,Der Brustkorb bläht mit zottig schwarzer Haut.
Des Waldes Tiere fliehen vor dem LärmeIn Scharen flüchtig her und langem Sprung.Um ihre Stirnen fliegen Falterschwärme,Berauscht von ihrer Kränze Duft und Trunk.
Sie nahn dem Bache, der von Schilf umzogenDurch Wiesen rauscht. Das Röhricht läßt sie ein.Sie springen mit den Hufen in die WogenUnd baden sich vom Schlamm der Wälder rein.
Das Schilfrohr tönt vom Munde der Dryaden,Die auf den Weiden wohnen im Geäst.Sie schaun herauf. Ihr Rücken glänzt vom BadenWie Leder braun und wie von Öl genäßt.
Sie brüllen wild und langen nach den Zweigen.Ihr Glied treibt auf, von ihrer Gier geschwellt.Die Elfen fliegen fort, wo noch das SchweigenDes Mittagstraums auf goldnen Höhen hält.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der ewige Tag. S. 48-49, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Herbst (Heym)“, Fassung 722.500 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.
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