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Versbuch

Ophelia

Georg Heym · 18871912

49 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1911

Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,Und die beringten Hände auf der FlutWie Flossen, also treibt sie durch den SchattenDes großen Urwalds, der im Wasser ruht.

Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.Warum sie starb? Warum sie so alleinIm Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?

Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheuchtWie eine Hand die Fledermäuse auf.Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feuchtStehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,

Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer AalSchlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheintAuf ihrer Stirn. Und eine Weide weintDas Laub auf sie und ihre stumme Qual.

II.Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß.Der Felder gelbe Winde schlafen still.Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.

Die blauen Lider schatten sanft herab.Und bei der Sensen blanken MelodienTräumt sie von eines Kusses KarmoisinDen ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.

Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhntDer Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingtDer weiße Strom. Der Widerhall erklingtMit weitem Echo. Wo herunter tönt

Hall voller Straßen. Glocken und Geläut.Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich drohtIn blinde Scheiben dumpfes Abendrot,In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,

Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.Last schwerer Brücken, die darüber ziehnWie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.

Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit.Doch wo sie treibt, jagt weit den MenschenschwarmMit großem Fittich auf ein dunkler Harm,Der schattet über beide Ufer breit.

Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weihtDer westlich hohe Tag des Sommers spät,Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen stehtDes fernen Abends zarte Müdigkeit.

Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,Durch manchen Winters trauervollen Port.Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,Davon der Horizont wie Feuer raucht.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der ewige Tag. S. 56-57, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ophelia“, Fassung 722.505 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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