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Versbuch

Prolog zu dem Buch ›Anatol‹

Hugo von Hofmannsthal · 18741929

74 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1922

Hohe Gitter, Taxushecken,Wappen nimmermehr vergoldet,Sphinxe, durch das Dickicht schimmernd …… Knarrend öffnen sich die Tore. –Mit verschlafenen KaskadenUnd verschlafenen Tritonen,Rokoko, verstaubt und lieblich,Seht … das Wien des Canaletto,Wien von siebzehnhundertsechzig …… Grüne, braune, stille Teiche,Glatt und marmorweiß umrandet,In dem Spiegelbild der NixenSpielen Gold- und Silberfische …Auf dem glattgeschornen RasenLiegen zierlich gleiche SchattenSchlanker Oleanderstämme;Zweige wölben sich zur Kuppel,Zweige neigen sich zur NischeFür die steifen Liebespaare,Heroinen und Heroen …Drei Delphine gießen murmelndFluten in ein Muschelbecken …Duftige KastanienblütenGleiten, schwirren leuchtend niederUnd ertrinken in den Becken …… Hinter einer TaxusmauerTönen Geigen, Klarinetten,Und sie scheinen den graziösenAmoretten zu entströmen,Die rings auf der Rampe sitzen,Fiedelnd oder Blumen windend,Selbst von Blumen bunt umgeben,Die aus Marmorvasen strömen:Goldlack und Jasmin und Flieder …… Auf der Rampe, zwischen ihnenSitzen auch kokette Frauen,Violette Monsignori …Und im Gras, zu ihren FüßenUnd auf Polstern, auf den StufenKavaliere und Abbati …Andre heben andre FrauenAus den parfümierten Sänften …… Durch die Zweige brechen Lichter,Flimmern auf den blonden Köpfchen,Scheinen auf den bunten Polstern,Gleiten über Kies und Rasen,Gleiten über das Gerüste,Das wir flüchtig aufgeschlagen.Wein und Winde klettert aufwärtsUnd umhüllt die lichten Balken,Und dazwischen farbenüppigFlattert Teppich und Tapete,Schäferszenen, keck gewoben,Zierlich von Watteau entworfen …

Eine Laube statt der Bühne,Sommersonne statt der Lampen,Also spielen wir Theater,Spielen unsre eignen Stücke,Frühgereift und zart und traurig,Die Komödie unsrer Seele,Unsres Fühlens Heut und Gestern,Böser Dinge hübsche Formel,Glatte Worte, bunte Bilder,Halbes, heimliches Empfinden,Agonieen, Episoden …Manche hören zu, nicht alle …Manche träumen, manche lachen,Manche essen Eis … und mancheSprechen sehr galante Dinge …… Nelken wiegen sich im Winde,Hochgestielte, weiße Nelken,Wie ein Schwarm von weißen Faltern,Und ein BologneserhündchenBellt verwundert einen Pfau an.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 69–71, Insel Verlag, Leipzig, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Prolog zu dem Buch ›Anatol‹“, Fassung 3.026.785 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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