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Versbuch

Ein Traum von großer Magie

Hugo von Hofmannsthal · 18741929

48 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1922

EIN TRAUM VON GROSSER MAGIE

Viel königlicher als ein PerlenbandUnd kühn wie junges Meer im Morgenduft,So war ein großer Traum – wie ich ihn fand.

Durch offene Glastüren ging die Luft.Ich schlief im Pavillon zu ebner Erde,Und durch vier offne Türen ging die Luft –

Und früher liefen schon geschirrte PferdeHindurch und Hunde eine ganze ScharAn meinem Bett vorbei. Doch die Gebärde

Des Magiers – des Ersten, Großen – warAuf einmal zwischen mir und einer Wand:Sein stolzes Nicken, königliches Haar.

Und hinter ihm nicht Mauer: es entstandEin weiter Prunk von Abgrund, dunklem MeerUnd grünen Matten hinter seiner Hand.

Er bückte sich und zog das Tiefe her.Er bückte sich, und seine Finger gingenIm Boden so, als ob es Wasser wär.

Vom dünnen Quellenwasser aber fingenSich riesige Opale in den HändenUnd fielen tönend wieder ab in Ringen.

Dann warf er sich mit leichtem Schwung der Lenden –Wie nur aus Stolz – der nächsten Klippe zu;An ihm sah ich die Macht der Schwere enden.

In seinen Augen aber war die RuhVon schlafend- doch lebendgen Edelsteinen.Er setzte sich und sprach ein solches Du

Zu Tagen, die uns ganz vergangen scheinen,Daß sie herkamen trauervoll und groß:Das freute ihn zu lachen und zu weinen.

Er fühlte traumhaft aller Menschen Los,So wie er seine eignen Glieder fühlte.Ihm war nichts nah und fern, nichts klein und groß.

Und wie tief unten sich die Erde kühlte,Das Dunkel aus den Tiefen aufwärts drang,Die Nacht das Laue aus den Wipfeln wühlte,

Genoß er allen Lebens großen GangSo sehr – daß er in großer TrunkenheitSo wie ein Löwe über Klippen sprang.

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Cherub und hoher Herr ist unser Geist –Wohnt nicht in uns, und in die obern SterneSetzt er den Stuhl und läßt uns viel verwaist:

Doch Er ist Feuer uns im tiefsten Kerne– So ahnte mir, da ich den Traum da fand –Und redet mit den Feuern jener Ferne

Und lebt in mir wie ich in meiner Hand.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 30–31, Insel Verlag, Leipzig, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ein Traum von großer Magie“, Fassung 3.704.578 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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