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Versbuch

Idylle

Hugo von Hofmannsthal · 18741929

188 Zeilen in 30 Strophen · zuerst gedruckt 1922

NACH EINEM ANTIKEN VASENBILD:ZENTAUR MIT VERWUNDETER FRAUAM RAND EINES FLUSSES

(Der Schauplatz im Böcklinschen Stil. Eine offene Dorfschmiede. Dahinter das Haus, im Hintergrunde ein Fluß. Der Schmied an der Arbeit, sein Weib müßig an die Türe gelehnt, die von der Schmiede ins Haus führt. Auf dem Boden spielt ein blondes kleines Kind mit einer zahmen Krabbe. In einer Nische ein Weinschlauch, ein paar frische Feigen und Melonenschalen.)

DER SCHMIEDWohin verlieren dir die sinnenden Gedanken sich,Indes du schweigend mir das Werk, feindselig fast,Mit solchen Lippen, leise zuckenden, beschaust?

DIE FRAUIm blütenweißen, kleinen Garten saß ich oft,Den Blick aufs väterliche Handwerk hingewandt,Das nette Werk des Töpfers: wie der Scheibe da,Der surrenden im Kreis, die edle Form entstieg,Im stillen Werden einer zarten Blume gleich,Mit kühlem Glanz des Elfenbeins. Darauf erschufDer Vater Henkel, mit Akanthusblatt geziert,Und ein Akanthus-, ein Olivenkranz wohl auchUmlief als dunkelroter Schmuck des Kruges Rand.Den schönen Körper dann belebte er mit ReigenkranzDer Horen, der vorüberschwebend lebenspendendenEr schuf, gestreckt auf königliche Ruhebank,Der Phädra wundervollen Leib, von Sehnsucht matt,Und drüben flatternd Eros, der mit süßer Qual die Glieder füllt.Gewaltgen Krügen liebte er ein BacchusfestZum Schmuck zu geben, wo der PurpurtraubensaftAufsprühte unter der Mänade nacktem FußUnd fliegend Haar und Thyrrusschwung die Luft erfüllt.Auf Totenurnen war Persephoneias hohes Bild,Die mit den seelenlosen, roten Augen schaut,Und Blumen des Vergessens, Mohn, im heiligen Haar,Das lebensfremde, asphodelische Gefilde tritt.Des Redens wär kein Ende, zählt ich alle auf,Die göttlichen, an deren schönem Leben ich– Zum zweiten Male lebend, was gebildet war –An deren Gram und Haß und LiebeslustUnd wechselndem Erlebnis jeder ArtIch also Anteil hatte, ich, ein Kind,Die mir mit halbverstandener Gefühle HauchAnrührten meiner Seele tiefstes Saitenspiel,Daß mir zuweilen war, als hätte ich im SchlafDie stets verborgenen Mysterien durchirrtVon Lust und Leid, Erkennende mit wachem Aug.Davon, an dieses Sonnenlicht zurückgekehrt,Mir mahnendes Gedenken andern Lebens bleibtUnd eine Fremde, Ausgeschloßne aus mir machtIn dieser nährenden, lebendgen Luft der Welt.

DER SCHMIEDDer Sinn des Seins verwirrte allzu vieler MüßiggangDem schön gesinnten, gern verträumten Kind, mich dünkt.Und jene Ehrfurcht fehlte, die zu trennen weiß,Was Göttern ziemt, was Menschen! Wie Semele dies,Die töricht fordernde, vergehend erst begriff.Des Gatten Handwerk lerne heilig halten du,Das aus des mütterlichen Grundes Eingeweiden stammtUnd, sich die hundertarmig Ungebändigte,Die Flamme, unterwerfend, klug und kraftvoll wirkt.

DIE FRAUDie Flamme anzusehen, lockts mich immer neu,Die wechselnde, mit heißem Hauch berauschende.

DER SCHMIEDVielmehr erfreue Anblick dich des Werks!Die Waffen sieh, der Pflugschar heilige Härte auch,Und dieses Beil, das wilde Bäume uns zur Hütte fügt.So schafft der Schmied, was alles andre schaffen soll.Wo duftig aufgeworfne Scholle Samen trinktUnd gelbes Korn der Sichel dann entgegenquillt,Wo zwischen stillen Stämmen nach dem scheuen WildDer Pfeil hinschwirrt und tödlich in den Nacken schlägt,Wo harter Huf von Rossen staubaufwirbelnd dröhntUnd rasche Räder rollen zwischen Stadt und Stadt,Wo der gewaltig klirrende, der MännerstreitDie hohe liederwerte Männlichkeit enthüllt:Da wirk ich fort und halt umwunden so die WeltMit starken Spuren meines Tuens, weil es tüchtig ist.(Pause)

DIE FRAUZentauren seh ich einen nahen, Jüngling noch,Ein schöner Gott mir scheinend, wenn auch halb ein Tier,Und aus dem Hain, entlang der Ufer, traben her.

DER ZENTAUR(einen Speer in der Hand, den er dem Schmied hinhält)Find ich dem stumpfgewordnen Speere Heilung hierUnd neue Spitze der geschwungnen Wucht? Verkünd!

DER SCHMIEDOb deinesgleichen auch, dich selber sah ich nie.

DER ZENTAURZum ersten Mal lockte mir der LaufNach eurem Dorf Bedürfnis, das du kennst.

DER SCHMIEDIhm sollIn kurzem abgeholfen sein. Indes erzählstDu, wenn du dir den Dank der Frau verdienen willst,Von fremden Wundern, die du wohl gesehn, wovonHieher nicht Kunde dringt, wenn nicht ein Wandrer kommt.

DIE FRAUIch reiche dir zuerst den vollen Schlauch: er istMit kühlem, säuerlichem Apfelwein gefüllt,Denn andrer ist uns nicht. Das nächste Dürsten stilltWohl etwa weit von hier aus beßrer Schale dirMit heißerm Safte eine schönre Frau als ich.(Sie hat den Wein aus dem Schlauch in eine irdene Trinkschale gegossen, die er langsam schlürft.)

DER ZENTAURDie allgemeinen Straßen zog ich nicht und miedDer Hafenplätze vielvermengendes Gewühl,Wo einer leicht von Schiffern bunte Mär erfährt.Die öden Heiden wählte ich zum Tagesweg,Flamingos nur und schwarze Stiere störend auf,Und stampfte nachts das Heidekraut dahin im Duft,Das hyazinthne Dunkel über mir.Zuweilen kam ich wandernd einem Hain vorbei,Wo sich, zu flüchtig eigensinnger Lust gewillt,Aus einem Schwarme von Najaden eine mirFür eine Strecke Wegs gesellte, die ich dannAn einen jungen Satyr wiederum verlor,Der syrinxblasend, lockend wo am Wege saß.

DIE FRAUUnsäglich reizend dünkt dies Ungebundne mir.

DER SCHMIEDDie Waldgebornen kennen Scham und Treue nicht,Die erst das Haus verlangen und bewahren lehrt.

DIE FRAUWard dir, dem Flötenspiel des Pan zu lauschen?Sag!

DER ZENTAURIn einem stillen Kesseltal ward mirs beschert.Da wogte mit dem schwülen Abendwind herabVom Rand der Felsen rätselhaftestes Getön,So tief aufwühlend wie vereinter DrangVon allem Tiefsten, was die Seele je durchbebt,Als flög mein Ich im Wirbel fortgerissen mirDurch tausendfach verschiedne Trunkenheit hindurch.

DER SCHMIEDVerbotenes laß lieber unberedet sein!

DIE FRAULaß immerhin, was regt die Seele schöner auf?

DER SCHMIEDDas Leben zeitigt selbst den höhern Herzensschlag,Wie reife Frucht vom Zweige sich erfreulich löst.Und nicht zu andern Schauern über unsre Lebenswelle haucht.

DER ZENTAURSo blieb die wunderbare Kunst dir unbekannt,Die Götter üben: unter Menschen Mensch,Zu andern Zeiten aufzugehn im Sturmeshauch,Und ein Delphin zu plätschern wiederum im NaßUnd ätherkreisend einzusaugen Adlerlust?Du kennst, mich dünkt, nur wenig von der Welt, mein Freund.

DER SCHMIEDDie ganze kenn ich, kennend meinen Kreis,Maßloses nicht verlangend, noch begierig ich,Die flüchtge Flut zu ballen in der hohlen Hand.Den Bach, der deine Wiege schaukelte, erkennen lern,Den Nachbarbaum, der dir die Früchte an der Sonne reiftUnd dufterfüllten lauen Schatten niedergießt,Das kühle grüne Gras, es trats dein Fuß als Kind.Die alten Eltern tratens, leise frierende,Und die Geliebte trats, da quollen duftend aufDie Veilchen, schmiegend unter ihre Sohlen sich,Das Haus begreif, in dem du lebst und sterben sollst,Und dann, ein Wirkender, begreif sich selber ehrfurchtsvoll,An diesen hast du mehr, als du erfassen kannst –,Den Wanderliebenden, ich halt ihn länger nicht, alleinDer letzten Glättung noch bedarfs, die Feile fehlt,Ich finde sie und schaffe dir das letzte noch.(Er geht ins Haus.)

DIE FRAUDich führt wohl nimmermehr der Weg hieher zurück.Hinstampfend durch die hyazinthne Nacht, berauscht,Vergissest meiner du am Wege, fürcht ich, bald,Die deiner, fürcht ich, nicht so bald vergessen kann.

DER ZENTAURDu irrst: verdammt von dir zu scheiden, wärs,Als schlügen sich die Götter dröhnend hinter mirVon aller Liebe dufterfülltem Garten zu.Doch kommst du, wie ich meine, mir Gefährtin mit,So trag ich solchen hohen Reiz als Beute fort,Wie nie die hohe Aphrodite ausgegossen hat,Die allbelebende, auf Meer und wilde Flut.

DIE FRAUWie könnt ich Gatten, Haus und Kind verlassen hier?

DER ZENTAURWas sorgst du lang, um was du schnell vergessen hast?

DIE FRAUEr kommt zurück, und schnell zerronnen ist der Traum!

DER ZENTAURMit nichten, da doch Lust und Weg noch offen steht.Mit festen Fingern greif mir ins Gelock und klammre dich,Am Rücken ruhend, mir an Arm und Nacken an!

(Sie schwingt sich auf seinen Rücken, und er stürmt hellschreiend zum Fluß hinunter, das Kind erschrickt und bricht in klägliches Weinen aus. Der Schmied tritt aus dem Haus. Eben stürzt sich der Zentaur in das aufrauschende Wasser des Flusses. Sein bronzener Oberkörper und die Gestalt der Frau zeichnen sich scharf auf der abendlich vergoldeten Wasserfläche ab. Der Schmied wird sie gewahr; in der Hand den Speer des Zentauren, läuft er ans Ufer hinab und schleudert, weit vorgebeugt, den Speer, der mit zitternden Schaft einen Augenblick im Rücken der Frau stecken bleibt, bis diese mit einem gellenden Schrei die Locken des Zentauren fahren lässt und mit ausgebreiteten Armen rücklings ins Wasser stürzt. Der Zentaur fängt die Sterbende in seinen Armen auf und trägt sie hocherhoben stromabwärts, dem andern Ufer zuschwimmend.)

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 58–66, Insel Verlag, Leipzig, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Idylle“, Fassung 3.026.795 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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