Im Grünen zu singen
Hugo von Hofmannsthal · 1874–1929
39 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1922
IHörtest du denn nicht hinein,Daß Musik das Haus umschlich?Nacht war schwer und ohne Schein,Doch der sanft auf hartem SteinLag und spielte, das war ich.
Was ich konnte, sprach ich aus:»Liebste du, mein Alles du!«Östlich brach ein Licht heraus,Schwerer Tag trieb mich nach Haus,Und mein Mund ist wieder zu.
IIWar der Himmel trüb und schwer,Waren einsam wir so sehr,Voneinander abgeschnitten!Aber das ist nun nicht mehr:Lüfte fließen hin und her;Und die ganze Welt inmittenGlänzt, als ob sie gläsern wär.
Sterne kamen aufgegangen,Flimmern mein- und deinen Wangen,Und sie wissens auch:Stark und stärker wird ihr Prangen;Und wir atmen mit Verlangen,Liegen selig wie gefangen,Spüren eins des andern Hauch.
IIIDie Liebste sprach: »Ich halt dich nicht,Du hast mir nichts geschworn.Die Menschen soll man halten nicht,Sind nicht zur Treu geborn.
Zieh deine Straßen hin, mein Freund,Beschau dir Land um Land,In vielen Betten ruh dich aus,Viel Frauen nimm bei der Hand.
Wo dir der Wein zu sauer ist,Da trink du Malvasier,Und wenn mein Mund dir süßer ist,So komm nur wieder zu mir!«
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 32-33, Insel Verlag, Leipzig, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Im Grünen zu singen (I–III)“, Fassung 3.026.778 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.
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