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Versbuch

Der arme Jakob und die kranke Lise.

Georg Herwegh · 18171875

86 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1886

Der arme Jakob.Der alte Jakob starb heut nacht –Da haben sie am frühen MorgenSechs Brettchen ihm zurechtgemachtUnd drin den Schatz geborgen.

Ein schmucklos Haus! Man gibt in’s GrabDem Feldherrn doch den Feldherrndegen –Warum nicht auch den BettelstabAuf diese Bahre legen?

Den Degen, den er treu geführt,Der in die Scheide nie gekommen,Bis ihn der letzte Schlag gerührtUnd von der Welt genommen.

Er war der Welt, sie seiner satt –Zu zwölfen in der engen Stube! –Weh’ ihm! ein überflüssig Blatt,O Lenz, in seine Grube!

Als hätt’ er Großes nie gethan,Ist rasch der Glückliche vergessen,Kein Dichter stimmt ihm Psalmen an,Kein Pfaffe liest ihm Messen.

Die Heller, die man in den SandIhm warf aus schimmernden Karossen,Sind Alles, was vom VaterlandDer arme Mann genossen.

Just die vom Himmel ihm geprahlt,Sah’n diese Erde zwiefach gerne:So wird die Schuld an’s Volk bezahltMit Wechseln auf die Sterne.

Und kaum ist uns genug am JochDer Armuth auf gekrümmten Rücken:Man will der Knechtschaft Stempel nochIhr auf die Stirne drücken.

Schlaf wohl in deinem Sarkophag,Drin sie dich ohne Hemd begraben,Es wird kein Fürst am jüngsten TagNoch reine Wäsche haben!

Die kranke Lise.Weihnacht! die kranke Lise schreitetDurch’s Faubourg hin in banger Flucht,Sie hat zu Haus’ kein Bett bereitetFür ihres Leibes erste Frucht.Wohl manches prunkt im Fürstensaale,Den stolzer Kerzen Glanz erhellt –Marsch, Lise, weiter, zum Spitale,Dort kommt das Volk zur Welt.

„Mein armer Weber mag nur zetteln,Sein Fleiß und Schweiß – was helfen sie?Das Volk muß Sarg und Wiege betteln:„Allons, enfants de la patrie!“Kind, dem sie unter meinem HerzenDie Lust am Leben schon vergällt,Geduld, bis wir im Haus der Schmerzen!Dort kommt das Volk zur Welt.

„Sie feiern heut dem Gott der Armen,Die reichen Herrn ein Freudenfest:Doch glaubt nicht, daß sich das ErbarmenAn ihrem Tische sehen läßt,Daß je in ihre FestpokaleDer Schimmer einer Thräne fällt –Marsch, Lise, weiter, zum Spitale!Dort kommt das Volk zur Welt.

„Du machst mir wahrlich viel Beschwerden,Der Liebe Kind, ich dacht’ es nie;Das wird ein wilder Junge werden:Allons, enfants de la patrie!Für eurer Prinzen zarte NervenIst Daun auf Daune hoch geschwellt:Ich muß in einer Grube werfen –So kommt das Volk zur Welt.

„Kläng noch die Trommel unserm OhreUnd wär’ noch eine Fahne rein:Der Lappen einer Trikolore,Er sollte deine Windel sein;Du wärst getauft, eh’ seine SchaaleEin Pfaffe dir zu Haupten hält –Marsch, Lise, weiter, zum Spitale!Dort kommt das Volk zur Welt.

„Wer wird so ungestüm sich melden?Mein kleines Herz, was suchst du hie?Nur noch zum Grabe jener Helden!Allons, enfants de la patrie!Dort seh’ ich in des Frühroths HelleDie Julisäule aufgestellt –“Und nieder sank sie auf der Schwelle –So kommt das Volk zur Welt!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Vorwärts, 1. Auflage, Verlag der Volksbuchhandlung in Hottingen, Zürich, 1886
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der arme Jakob und die kranke Lise“, Fassung 2.911.833 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Herwegh starb 1875; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1945 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550128 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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