Berufung
Louise Otto-Peters · 1819–1895
24 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Wie schön war meine Kinderzeit verflossen,Wie hab’ ich da im trauten VaterhausDer Elternliebe Segen ganz genossen.
Wie spielt ich froh mit Vögeln und mit BlütenIm Garten und im Weinberg frei umher,Und lernte gern sie pflegen und behüten.
Wie war es schön mit jenen auch zu singen,Ganz leis, daß es kein fremdes Ohr gehört,Und in das Reich der Dichtung mich zu schwingen!
Doch ach, es ging das süße Glück zu Ende:Bald raubte beide Eltern mir der Tod –Ob ihren Gräbern rang ich bang die Hände.
Demütig beugt ich mich in Gottes Willen –Und fragte doch: warum er das gethan?Mit Liedern suchte ich den Schmerz zu stillen.
In Liedern sucht ich selbst mich zu erhebenUnd fragte mich und fragte die Natur:Ward nicht von oben mir Gesang gegeben?!
Und was ich Anfangs nur als Spiel erlesen:Ist’s nicht ein Ruf der mich von oben trifft,Füllt mit Begeisterung mein ganzes Wesen?
So nah ich mich des Dichtertempels Stufen.Will einzig mich dem Dienst der Muse weihn,Ihr bleib ich treu, denn ich vernahm ihr Rufen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 3-4, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Berufung“, Fassung 634.921 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.