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Versbuch

Zukunftslied

Georg Herwegh · 18171875

64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1886

Uebermüth’ge Triumphirer,Weh’ euch, wenn ihr’s noch nicht fühlt,Wie der treffliche MinirerSchon den Boden unterwühlt,Daß ihr in der GeistesstundeKläffend unser Ohr zerreißt! –Doch wir wissen, ihr seid Hunde,Und ihr glaubt an keinen Geist.

Aber kommen wird ein PfingstenDonnernd über euer HauptUnd ein Festtag der Geringsten,Der des Hochmuths Stamm entlaubt.Der sich lange selbst vergessen,Ist am Ziel der Unglücksbahn,Und der Mensch, der sie durchmessen,Kommt beim Menschen endlich an.

Fort mit eurer AhnenbilderUebernächtigem Gesicht!Geht und pflanzt in eure Schilder,Ritter, ein Vergißmeinnicht!Nur ein Ritter ohne Tadel,Nur ein Priester soll noch sein:Für die ganze Welt den Adel!Für die Menschheit Brot und Wein!

Keine Steuern, keine Zölle,Des Gedankens Freiverkehr!Keinen Teufel in der Hölle,Keinen Gott im Himmel mehr!Nieder mit dem Blutpokale,Drin der Kirche Wahnwitz kreist!Ein Kolumb zerbricht die Schaale,Wenn er eine Welt beweist.

Einmal noch uns aufzuraffenZu des Lebens Maienlust,Reißen wir das Schwert der PfaffenAus der Menschheit wunder Brust!Zwischen Jägern und GehetztenSei entbrannt die wilde Schlacht,Bis man Frieden auf dem letztenEingestürzten Tempel macht.

Zittert, zittert, blöde Toren,Vor der Zukunft ehr’nem Tritt –Ja, die Zeit ist neu geboren,Ja, und ohne Kaiserschnitt;Und erobert wird das Leben,Und wir jubeln gloria:Alle Schulden sind vergeben,Denn kein Gläubiger ist da.

Durch die Wolken seh ich’s tagen,Und die Nebel, sie verwehn;Mit dem Pegasus am WagenMuß es endlich vorwärts gehn.Eine Phalanx laßt uns schlingen,Die kein Henker brechen kann,Und wie jener Römer singen,Nur: die Waffen und den Mann!

Ungestüm in tausend Gliedern,Tausend Adern glüht der Streit,Und ein Arsenal von LiedernLiegt in Deutschland kampfbereit.Denn wir wissen, die ErhörungWird kein Flehender empfahn:Drum die Fahne der EmpörungTrag die Poesie voran!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Vorwärts, 1. Auflage, Verlag der Volksbuchhandlung in Hottingen, Zürich, 1886
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zukunftslied“, Fassung 4.889.429 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Herwegh starb 1875; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1945 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550128 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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