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Versbuch

Heidenlied

Georg Herwegh · 18171875

49 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1886

Wie lebten doch die HeidenSo herrlich und so froh!Das war ein Volk von Seiden,Wir sind ein Volk von Stroh;Entführt ein Ochs ein schönes KindZuweilen auch – doch glaubet mir:Die Heiden waren nicht so blindNicht halb so blind, als wir.

Die Heiden, ’s ist doch schadeUm solch ingenium;Sie hießen Vier geradeUnd nahmen Fünf für krumm;Auch hatt’ die Jungfernschaft ein End’,Sobald die Magd ein Kind gebar,Dieweil das Neue TestamentNoch nicht erfunden war.

Sie thaten, was sie mochten,Die Freiheit war enorm;Sie siegten, wenn sie fochten,Auch ohne Uniform;Sie hatten keine PolizeiUnd tranken lieber Wein, als Bier.Wie waren doch die Heiden frei,Die Heiden! – aber Ihr?

Und von Achill und Hektor,Wie’s im Homerus steht,Bis zu dem letzten RektorDer Universität,Da gab’s kein Buch in ganz Athen –O schreckliche Verworfenheit!Man wurde vom Spazierengeh’nUnd von der Luft gescheidt.

Wie wußten sie die TatzenDen Pfaffen abzuhau’n!Die durften nur nach Spatzen,Nicht nach den Weibern schau’n;Den Prinzen gar erging es schlecht,Die fanden kaum ein Nachtquartier;Wie hatten doch die Heiden Recht,Die Heiden! – aber Ihr?

Die Heiden, ach! die Heiden,Die keine Christen sind,Sie spinnen doch die SeidenFür manch’ ein Christenkind;Drum lebe hoch das HeidenpackUnd jeder ächte Heldenstrick,Homerus mit dem BettelsackUnd ihre Republik!Georg Herwegh.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Vorwärts, 1. Auflage, Verlag der Volksbuchhandlung in Hottingen, Zürich, 1886
Digitalisat
de.wikisource.org — „Heidenlied“, Fassung 1.882.489 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Herwegh starb 1875; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1945 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550128 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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