Der schlimmste Feind
Georg Herwegh · 1817–1875
53 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1886
Februar 1871.Dies Volk, das seine Bäume wiederBis in den Himmel wachsen siehtUnd auf der Erde platt und biederAm Knechtschaftskarren weiter zieht;
Dies Volk, das auf die Weisheit dessenVertraut, der Roß und Reiter hält,Und mit ErgebenheitsadressenFrisch, fromm und fröhlich rückt ins Feld;
Dies Volk, das einst aus Cäsars SchüsselUnd Becher sich so gern erfrischtUnd sich, wie Mommsen, seinen RüsselAn Cäsars Tischtuch abgewischt;
Dies Volk, das gegen Blut und EisenJungfräulich schüchtern sich geziert,Um schließlich den Erfolg zu preisen,Womit man Straßburg bombardirt.
Dies Volk, das im gemeinen KitzelDer Macht das neue Heil erblicktUnd als „Erzieher“ seine SpitzelDen unterjochten „Brüdern“ schickt.
Die Alten, Lieben, WohlbekanntenVon Anno Sechsundsechzig her,Schafott- und Bundesbeil-Votanten,Sie schüfen Deutschland? – Nimmermehr!
Sie werden mit verschmitzten HändenEntreißen euch des Sieges Frucht;Sie werden euren Lorbeer schänden,Daß euch die ganze Welt verflucht!
Frankreichs gekrönter PossenreißerWird nach Paris zurückgebracht;Euch holt man einen HeldenkaiserAus mittelalterlicher Nacht.
Das Blut von Wörth, das Blut von Spichern,Von Mars-la-Tour und Gravelotte,Einheit und Freiheit sollt’ es sichern –Einheit und Freiheit? Großer Gott!
Ein Amboß unter Einem Hammer,Geeinigt wird Alt-Deutschland stehn;Dem Rausche folgt ein Katzenjammer,Daß euch die Augen übergehn.
Mit patriotischem ErgötzenHabt ihr Viktoria geknallt;Der Rest ist Schweigen oder Lötzen,Kriegsidiotentum, Gewalt.
Es wird die Fuchtel mit der KnuteDie heil’ge Allianz erneun:Europa kann am UebermutheSiegreicher Junker sich erfreun.
Gleich Kindern laßt ihr euch betrügen,Bis ihr zu spät erkennt, o weh! –Die Wacht am Rhein wird nicht genügen,Der schlimmste Feind steht an der Spree.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Vorwärts, 1. Auflage, Verlag der Volksbuchhandlung in Hottingen, Zürich, 1886
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der schlimmste Feind“, Fassung 3.779.725 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Herwegh starb 1875; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1945 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550128 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.