König Etzel’s Schwert
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1882
„Der Kaiser spricht zu Ritter Hug:Du hast für mich dein Schwert verspellt,Des Eisens ist bei mir genug,Geh, wähl’ dir eins, das dir gefällt!“
Hug schreitet durch den Waffensaal,Wo stets der graue Schaffner sitzt.„Der Kaiser giebt mir freie WahlAus Allem was da hangt und blitzt!“
Er prüft und wägt. Von ihrem OrtLangt er die Schwerter mannigfalt –„Sprich, wessen ist das große dort,Gewaltig, heidnisch, ungestalt?“
„Des Würgers Etzel!“ flüstert scheuDer Graue, der es hält in Hut.„Des Hunnenkönigs! Meiner Treu,So lechzt und dürstet es nach Blut!“
„Laß ruhn. Es hat genug gewürgt!Die todte Wuth erwecke nicht!“„Gieb her! Dem ist der Sieg verbürgt,Der mit dem Schwert des Hunnen ficht!“
Und wieder sprengt er in den Kampf.„Du hast dich lange nicht geletzt,Schwert Etzel’s, an des Blutes Dampf!Drum freue dich und trinke jetzt!“
Er schwingt es weit, er mäht und mähtUnd Etzel’s Schwert, es schwelgt und trinkt,Bis müd die Sonne niedergehtUnd hinter rothe Wolken sinkt.
Als längst er schon im Mondlicht braust,Wird ihm der Arm vom Schlagen matt.Er frägt das Schwert in seiner Faust:„Schwert Etzel’s, bist noch nicht du satt?
Laß ab! Heut ist genug gethan!“Doch weh, es weiß von keiner Rast,Es hebt ein neues Morden anUnd trifft und frißt was es erfaßt.
„Laß ab!“ Es zuckt in grauser Lust,Der Ritter stürzt mit seinem PferdUnd jubelnd sticht ihn durch die BrustDes Hunnen unersättlich Schwert.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 219–220, 1. Auflage, H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „König Etzel’s Schwert“, Fassung 2.357.587 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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