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Versbuch

Lenz Wanderer Mörder Triumphator

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

49 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1882

I.Ich lag an einem RaineMit meinem dürren Stab.Was lauf’ ich? Meine BeineErlaufen nur das Grab …

Ein Wandrer zog derenden,War noch ein Knabe fast,Der hielt als Stab in HändenDen blüthenreichsten Ast.

„Grüß Gott dich, schöner Wandrer!Bist du es, Knabe Lenz?“Er rief: „Ich bin kein AndrerUnd komme von Florenz!“

Das mußte mich erwecken.„Kind Lenz, ich wandre mit!“Wir hoben unsre SteckenIn einem Schritt und Tritt.

Die beiden Stäbe hobenKind Lenz und ich zugleich;Auch meiner ward von obenBis unten blüthenreich.

II.Nieder trägt der warme FöhnDer Lawine fern Getön,Hinter jenen hohen FöhrenKann den dumpfen Schlag ich hören.

In des Lenzes blauen ScheinAus der Scholle dunkelm SchreinDrängt und drückt das neue Leben,Lüftet Kleid und Decken eben –

Von derselben Kraft und LustWächst das Herz mir in der Brust,Heute kann es noch sich dehnenMit den Liedern, mit den Thränen!

Aber blauen wird ein Tag,Da sich’s nicht mehr dehnen mag –Dann kommt mich der Lenz zu tödtenMit den Veilchen, mit den Flöten.

III.Frühling mit der Vöglein LautAllerenden, allerorten!Frühling, der die Welt umblaut,Deine blüh’nden SiegespfortenHast du niedrig aufgebaut!

Ueber alle Pfade herSchießen blüthenschwere ZweigeUngebändigt, kreuz und quer,Daß dir jedes Haupt sich neige,Und die Demuth ist nicht schwer.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 38–40, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Lenz Wanderer Mörder Triumphator“, Fassung 1.930.436 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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