Die sterbende Meduse
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
50 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Ein kurzes Schwert gezückt in nerv’ger Rechten,Belauert Perseus bang in seinem SchildDer schlummernden Meduse Spiegelbild,Das süße Haupt mit müden Schlangenflechten.Zur Hälfte zeigt der Spiegel längs der ErdeDes jungen Wuchses athmende Geberde –„Raub’ ich das arge Haupt mit raschem Hiebe,Verderblich der Verderberin genaht?Wenn nur die blonde Wimper schlummernd bliebe!Der Blick versteint! Gefährlich ist die That.Die Mörderin! Sie schließt vielleicht aus ListDie wachen Augen! Sie die grausam ist!Durch weiße Lider schimmert blaues LichtUnd – zischte dort der Kopf der Natter nicht?
Medusen träumt daß einen Kranz sie winde,Der Menschen schöner Liebling der sie war,Bevor die Stirn der Göttin AngebindeVerschattet ihr mit wirrem Schlangenhaar.Mit den Gespielen glaubt sie noch zu wandernUnd spendet ihnen lockenschüttelnd Grüße,In blüh’ndem Reigen regt sie mit den AndernDie freudehellen, die beschwingten Füße,Ihr Antlitz hat vergessen, daß es tödte,Es glaubt, es glaubt an die barmherz’ge LügeDes Traums. Es lauscht dem Hauch der Hirtenflöte,Der weich melodisch zieht durch seine Züge.Es lächelt still, von schwerem Bann befreit,In unverlorner erster Lieblichkeit.
Der Mörder tritt an ihre Seite dichtUnd dunkler träumt Medusens Angesicht.Ihr ist, sie habe Haß empfunden schon,Vor sich geschaudert, dumpf und bang gelitten,Die Menschen habe scheu sie erst geflohn,Dann ihnen nachgestellt mit Meuchlerschritten –Sie sinnt was Unheilbares sie gequält,Daß sie dem eignen Leben feind gewordenUnd andres Leben sich ergötzt zu morden –Sie sinnt umsonst. Ihr hält’s der Traum verhehlt.Die grause Larve, die sie lang geschreckt,Ist wie mit einem Purpurtuch bedeckt.Das Graun ist aufgelöst in Seligkeit,Begonnen hat der Seele Feierzeit.Der Dämmer herrscht. Das harte Licht verblich.Als eine der Erlösten fühlt sie sich.Sie fürchtet keines Schreckens Wiederkehr,Sie weiß, die Qualen kommen nimmermehr,Nein, nimmermehr, und nun ist Alles gut!Sie liegt, den Hals gebogen, auf dem Rasen,Sie hört die Hirtenflöte wieder blasenUnd lauscht. Sie zuckt. Sie windet sich. Sie ruht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 188-189, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die sterbende Meduse“, Fassung 3.577.063 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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