Prolog
Theodor Fontane · 1819–1898
33 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Zur Feier des 200jährigen Bestehens der französischen Colonie.(1. November 1885.)
Zweihundert Jahre, daß wir hier zu LandEin Obdach fanden, Freistatt für den Glauben,Und Zuflucht vor Bedrängniß der Gewissen.Ein hochgemuther Fürst, so frei wie fromm,Empfing uns hier, und wie der Fürst des LandesEmpfing uns auch sein Volk. Kein Neid ward wach,Nicht Eifersucht, – man öffnete das Thor unsUnd hieß als Glaubensbrüder uns willkommen.Land-Fremde waren wir, nicht Herzens-Fremde.So ward die Freistatt bald zur Heimatsstätte,Zur Stätte neuer Lieb’ und was seitdemDurch Gottes Rathschluß dieses Land erfahren,Wir lebten’s mit, sein Leid war unser LeidUnd was es freute war auch unsre Freude.Wohl pflegten wir das Eigne, der GemeindeGedeihn und Wachsthum blieb uns Herzenssache,Doch nie vergaßen wir der Pflicht und Sorge,Daß, was nur Theil war, auch dem Ganzen diene.Mit fleiß’ger Hand, in Allem wohl erfahren,Was älterer Kultur und wärmrer SonneDaheim entsproß und einem reichren Lande –So wirkten wir.
Doch unser Thun zu rühmen,Es ist nicht das, was diesem Feste ziemt,Heut ziemt’s uns nur zu huldgen und zu danken.
Und dieser Dank, was lieh’ ihm größ’re KraftUnd Inbrunst, als ein Rückblick auf das Leid,Das einst aus unsrer Heimath uns vertrieben.
Erklinge denn Musik und führ’ herauf,Im Widerspiel zu dieser Stunde Glück,Uns Bilder aus der Zeit der Hugenotten!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 351–352, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Prolog (Fontane)“, Fassung 1.731.468 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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