Ihr Heim
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
42 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Lang vorüber ging ich den Gehegen,Drin der Giebel deines Heimes ragt,Dieser Pforte, diesen Schattenwegen!Wer da wohne, hab’ ich nicht gefragt.Wer da wohneHinter einer dunkeln Lindenkrone,Hat das Herz mir nicht vorausgesagt.
Pfade liefen durch die feuchte Wiese,Kleine Sohlen sah ich hier und dortEingezeichnet auf dem weichen Kiese,Aber meines Weges zog ich fort.Ich begehrteZu verfolgen nicht die flücht’ge Fährte,Zu betreten nicht den stummen Ort.
Auch ein Rauschen hört’ ich aus der Linde,Die der Hauch der Abendlüfte bog;„Komme, Wandrer“, rief es, „komm und finde!“Während rascher ich des Weges zog.Ich vertrauteDem Versprechen nicht der Geisterlaute,Deren Wehn mir oft das Herz betrog.
Und den Stern der Liebe sah ich eilenDort zum dunkelscharfen Bergesrand,Auf dem schlanken Giebel blitzend weilen,Wie ein zitternd Feuer, eh’ er schwand.Im EntweichenGab der Freund am Himmel mir ein Zeichen,Wann er über meinem Glücke stand.
Längst versunken glaubt’ ich’s in der Ferne,Das so nahe mir verborgen lag!Wer versteht den stillen Wink der SterneVor dem rechten, dem bestimmten Tag?Vor der Stunde,Die ihn zieht zu dem ersehnten Bunde,Den nicht Tod noch Leben trennen mag?
Lang vorüber ging ich deiner LiebeDurch den Staub des Lebens unbewußt,Daß zur Wonne mir die Klage bliebeUnd ein leiser Schmerz in sel’ger Brust –Schmerz und KlageUeber ohne dich verdarbte Tage,Die mit deinem Kuß du stillen mußt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 172-173, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ihr Heim“, Fassung 2.085.774 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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