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Versbuch

Der Berg der Seligkeiten

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

68 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Ein Bergesrücken still besonnt,Allum der duft’ge Horizont –Hier saß der Christ und rings im KreisDie Galiläer stufenweisGelagert auf den steilen Triften –Der Meister lobt’ der Lilie Kleid,Hieß göttlich Werk das FriedestiftenUnd rühmte die Barmherzigkeit.Er ließ die Segensschwingen breitenAll seines Reiches Seligkeiten.Dann ist er sacht hinabgegangen …Und hat am Kreuzesstamm gehangen.

Am Berg der Seligkeiten irrtenDer Hirtin Stapfen und des Hirten.Wie Wolken still, wie Stürme brausend,Zog dran vorüber ein Jahrtausend,Die Lilie blieb des Lobes froh,Sie kleide sich wie Salomo,Die Luft, drin nie das Erz erscholl,Ist noch von Friedeworten voll.Drommetenstoß! Jach klimmt emporEin Heer, das Schlacht und Raum verlor.Kreuzritter sind’s, von SaladinVersprengt, die wild zur Höhe fliehn,Heiß unter ihren Schritten herEntflammt den dürren Rasen er,In schwarzen Wolken wallt der Qualm.Schlachtrosse schnauben auf der Alm.Scharf pfeifen SarazenenpfeileDurch das Gedräng der Flucht und Eile.Fort! Ein verfärbter Purpur weht,Ein junger König wankt entkräftet,Doch dieses Reiches MajestätIst König Christ, ans Kreuz geheftet.Drum tragen sie das Kreuz voran,Der Welterbarmer schwebte dran,Das bittre Kreuz, davon herabEr seines Mordes Schuld vergab.Sie wuschen’s dann mit rothen Bächen,Um des Erbarmers Tod zu rächen …Das Wüthen, Morden, Bluten, StreitenErsteigt den Berg der Seligkeiten.Erklommen ist der Gipfel jetztUnd hinter ihm erbraust das Meer,Der Kurdenschleuder ausgesetzt,Steht auf dem Kulm das Christenheer.

Drommetenstoß! „Der Heiland lebt!Christus regiert!“ Der Berg erbebt.„Hilf, König, der gekreuzigt wurde!“„Zielt auf das Kreuz!“ befiehlt der Kurde.„Wie blöde Falter um die Flamme,So flattern sie am Kreuzesstamme!“Es saust. Steilnieder zu der BuchtStürzt Roß und Reiter in die Schlucht.Das Kreuz, mit Glut und brünst’ger HastUmfängt’s ein Mönch und hält’s umfaßt:„Hörst, König, Du der Heiden Spott?Vernichte sie, verhöhnter Gott!In heller Rüstung komm gefahrenMit Deines Vaters Engelschaaren!Lebst Du, regierst Du, Christe, nicht?“Kein Engelschwert erblitzt im Licht.Die Luft verfinstert Pfeilgesaus –„Komm!“ schreit der Mönch und athmet aus.

Des Himmels innig tiefer ScheinUmfaßt ein menschenleer Gestein.Vom Schwert erkämpft, vom Schwert zerstört,Dies Reich hat nicht dem Christ gehört.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 226–228, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Berg der Seligkeiten“, Fassung 2.912.026 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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