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Versbuch

Der trunkene Gott

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

70 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Weiße Marmorstufen steigenDurch der Gärten laub’ge Nacht,Schlanke Palmenfächer neigenIn des Himmels blaue Pracht.Ueber Tempeln, Hainen, GrüftenZecht in abendweichen LüftenAlexander’s Lieblingsschaar;Daß der Erde Herr sich labe,Bietet ihm ein schöner KnabeWein in goldner Schaale dar.

Kleitos neben Philipp’s SohneFurcht die Stirne kummervoll,Der benarbte MacedoneSchlürft im Weine Zorn und Groll:Er gedenkt der Heergenossen,Die die erste Phalanx schlossenIn den Bergen kühl und fern –Seinen dunkeln Muth zu kränkenLüstet es den jungen SchenkenLagernd an dem Knie des Herrn.

Die erhabne Stirn und BraueTräumt den Zug ins Inderland,Lauschend liest den Traum das schlaueKind, den Blick emporgewandt:„Bacchus bist du, der belaubte,Mit dem schwärmerischen Haupte,Der ins Land der Sonne zieht!Ohne Heer kannst du bezwingen,Nur den Thyrsus darfst du schwingen,Winke nur und Indien kniet!“

Finster grollt der tapfre Streiter:Durch der Wüste heißen Sand?Immer ferner, immer weiter?Nach des Indus Fabelstrand?Siegst du mit der Wimper Winken,Warum fechten wir und sinkenWir für dich? Zum Schein und Spott?Lebende kannst du belohnen,Deine todten Macedonen,Wecke sie, bist du ein Gott!“

– „Welchen dampfenden AltaresFreust du auf der Erde dich?Bist du die Gewalt des Ares,Helmumflattert, fürchterlich?Herr, bevor den niedern ThalenDu dich nahtest ohne Strahlen,Welches war dein himmlisch Amt?Bist du Zeus? Bist du ein Andrer?Bist du Helios, der Wandrer,Dessen Stirne sonnig flammt?“ –

Traulich neigt der graue FechterSich zum Ohr des Gottes hin,Mit unseligem GelächterRührt er an der Schulter ihn:„Gast des Himmels, merklich sinkenHaupt und Schulter dir zur Linken,Lastet dir der Erde Raub?Macht der Knabe dich zum Gotte,Dein Gebrechen schreit mit Spotte:Alexander, du bist Staub!“

Eine tödtende Geberde!Eines Gottes Rachewut!Ein Erdolchter an der Erde!Alter Treue strömend Blut!Auf den Mörder, auf die LeicheStarrt der Schenk, der schreckensbleiche:Kranz und Wunde! Fest und Grab!Stumme, steingewordne Zecher –Hier ein herrenloser Becher,Rollt die Stufen sacht herab …

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 195–198., 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der trunkene Gott“, Fassung 3.449.488 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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