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Versbuch

Der gleitende Purpur

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

48 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1882

„Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!“Schallt im Münsterchor der Psalm der Knaben.Kaiser Otto lauscht der Mette,Diener hinter sich mit Spend’ und Gaben.

Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!Heute, da die Himmel niederschweben,Wird dem Elend und der BlößeMäntel er und warme Röcke geben.

Hundert Bettler stehn erwartend –Einer hält des Kaisers Knie umfangenMit den wundgeriebnen Armen,dran zerrissner Fesseln Enden hangen.

– „Schalk! Was zerrst du mir den Purpur?Harr und beite! Kennst du mich als Kargen?“Doch der Bettler hält den MantelFest und jammert: „Kennst du mich, den Argen?

Du Gesalbter und Erlauchter!Kennst du mich? … Du hast mit mir gelegen,Mit dem Siechen, mit dem Wunden,Unter eines Mutterherzens Schlägen.

Aus demselben WollentucheSchnitt man uns die Kappen und die Kleider!Aus demselben PsalmenbucheSang das frische Jugendantlitz Beider!

Heinz, wo bist du? Heinz, wo bleibst du?Hast zum Spiele du mich oft gerufenDurch die Säle, durch die Gänge,Auf und ab der Wendeltreppe Stufen …

Dann als einen falschen BruderUnd Verräther hast Du mich erfunden!Du ergrimmtest und Du warfestIn die Kerkertiefe mich gebunden …

In der Tiefe meines KerkersHab’ ich ohne Mantel heut gefroren …Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!Heute wird der Welt das Heil geboren!“

„Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!“Hundert Bettler strecken jetzt die Hände:„Gieb uns Mäntel! Gieb uns Röcke!Sei barmherzig! Gieb uns Deine Spende!“

Eine Spange löst der KaiserSacht. Sein Purpur gleitet, gleitet, gleitetUeber seinen sünd’gen BruderUnd der erste Bettler steht bekleidet …

Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!Jubelt Erd’ und Himmelreich mit Schallen.Glorie! Glorie! Friede! Freude!Und am Menschenkind ein Wohlgefallen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 259–261, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der gleitende Purpur“, Fassung 3.089.942 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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