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Versbuch

Die große Karthause vor Papst Paul

Theodor Fontane · 18191898

46 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Und es sprach Papst Paul: „Die große Karthaus,In der Freigrafschaft, treibt es mir zu kraus,Auch Fromm-sein trägt Gefahren im Schooß,Kasteien zieht den Hochmuth groß,Kasteien ist ihnen Zweck und Ziel,Ewiges Fasten, das ist zu viel,Ich sehe kommen der Dinge Lauf,Ohne Zehrung zehren sie selbst sich auf,Und ihr Orden wird ein schwächlicher Schaft,Morsch und mürb’, ohne Saft und Kraft.“

Dess’ kam ihnen Kund’ in einem Brief.Der Abt die Mönche zusammenrief;Und es sprach der Abt: „Frei sei’s gesagt,Es haben uns unsre Feinde verklagt,Ein Neider oder ein LeckerlingDen heilgen Vater hinterging,Der sieht nun die Dinge von Grund aus schief,Sonst schrieb’ er uns nicht einen solchen Brief,Ich aber schick’ Antwort: Bruder Gregor,Und Eustach und Rollo, tretet vor,Und Cyrill und Gaston, und Du Bruder Hugh; –Hugh, Du bist neunzig, Du führst den Zug.“

Da traten die Sechs zum Zuge zusamm;Und Winters, über den Gotthard-Kamm,Einzeln und nebeneinanderher,Ein Jeder achtzig oder mehr,So passierten sie Gletscher und Wald und Strom,Bis daß sie hielten vorm ewigen Rom.

Und der Papst empfing sie. „Was Euer Begehr?“„Die große Karthause schickt uns her.Die große Karthaus’ ist, was sie war,Zusammen sind wir fünfhundert Jahr;Was gab uns die Jahre? Was ließ uns gedeihn?Fasten war es und kastein;Dem Leib gehorchen, zehrt auf das Mark,Den Leib bezähmen, macht stählern und stark,Im Schneesturm, über die Berge hin,Zogen wir; wende Deinen Sinn;Daß morsch wir würden, noch hat es nicht Noth,Heilger Vater, nimm von uns Dein Gebot.“

Da lächelt Papst Paul: „Ihr meidet den Wein,An meinen Tisch sonst lüd’ ich Euch ein.Doch kenn’ ich ein Andres, das gilt Euch mehr:In Eure Karthause die Wiederkehr.Ihr habt mich besiegt: aller Größe Keim,Er heißt Entsagung .. Zieht heim, zieht heim.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 220–221, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Große Karthause vor Papst Paul“, Fassung 1.661.158 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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