Der Botenlauf
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
18 Zeilen · zuerst gedruckt 1882
Blicke gen Himmel gewandt! Gebreitete flehende Arme!Murmeln und schallender Ruf! Knieende Mädchen und Fraun!„Götter, beflügelt den Boten! Entscheidung! Lieber als Bangniß!Seit sich die Sonne erhob, ringen die Stadt und Tarquin.Siehe, die Sonne versinkt! Mitkämpfer, Castor und Pollux!Denkt der verlassenen Fraun! Sendet den Boten geschwind!“Horch! Achthufig Geklirr bergan! Zwei reisige Reiter!Schon am heiligen Quell spülen die Waffen sie rein.Dann, zwei gewaltige Jünglinge, stehn auf der ragenden Burg sie,Gegen die schauernden Fraun hat sich der eine gekehrt:„Freude, knospendes Mädchen! Entschlossene Römerin, Freude!Herrlicher Sieg ist erkämpft! Geht ihr entgegen dem Heer?“Einer spricht’s, und der Andere lauscht, zu dem Bruder gewendet.Jetzt in das bleichende Licht springen die Rosse empor.Einer der Jünglinge schwindet im Abend, es schwindet der andre,Denn wie ein liebendes Paar lassen die Brüder sich nicht.Ueber der römischen Feste gewaltigem dunkelndem UmrißHebt sich in dämmernder Nacht seliges Doppelgestirn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 199, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Botenlauf“, Fassung 2.839.557 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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