Der Hengert
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
72 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Vater Lucas sprach beim Frühstück:„Heute, Herr, ist hier ein Hengert!“Und ich fragte: „Was ist Hengert?“Mich belehrte Vater Lucas:„Hengert, Herr, bedeutet Reigen,Ball und Sprung und FußgezappelIn der Sprache der GrisonenUnd Ihr möchtet böse schlummern,Sucht Ihr heut nicht still’re Ruhstatt!“
„Vater Lucas, keine Sorge!Hab’ ich erst mich müd’ gewandert,Schlief’ ich auch in einem Meersturm!“
Freudig nahm ich meinen Bergstock,Stieg hinan die saft’gen Weiden,Wo sich tummeln braune Fohlen,Durch bewegliches GerölleKlomm ich auf zum sel’gen Gipfel,Den mit leichtem Kuß berührenHeimatlose Wanderwolken.
Müde kehrt’ ich heim ins BerghausUm die Zeit der ersten Lichter.Vor der Pforte stand ein Häuflein,In der Mitte Musikanten,Rechts die Bursche, links die Mädchen,Doch kein Scherzwort flog herüberUnd hinüber flog kein Trutzwort.Lässig mit gekreuzten ArmenStanden sie geschieden, feindlichSich mit dunkeln Blicken messend.
Und ich stieg in meine Kammer,Legte mich getrost zur Ruhe.Bald erklang Musik piano,Allgemach begann der Hengert,Sachte schritt er, schläfrig schleift’ er,Wie Geschlurfe von Pantoffeln.Heimlich spottet’ ich der trägenFüße, der bequemen HerzenIm Gebirge der GrisonenUnd versank in süßen Schlummer....
Horch! Ein Ton, ein feurig greller,Schlägt empor wie eine Flamme!Jach erhitzen sich die BlecheUnd die Geige streicht ein Dämon!Mir zur Rechten, mir zur Linken,Mir zu Häupten, mir zu Füßen,Ungezügelt, ungebändigt,Erderschütternd stampft der Reigen,Immer lauter, wilder, tollerTobt und rast und dröhnt und tritt er,Daß erbeben alle Balken,Tosend sausten durch die LüfteBerghaus, Hengert, Folterkammer,Wie voreinst die hochgelobteCasa santa durch die LüfteFuhr von Istrien nach Loretto,Doch von Engeln sie getragen,Ich von höllischen GewaltenAn den Sabbat auf dem Blocksberg..
Also ging es bis zum Morgen,Da die heil'ge Frühe löschteStern an Stern am ew’gen LeuchterUeber schwarzen Tannenbergen.Lechzend öffnet’ ich das Fenster,Einzuschlürfen Morgenlüfte,Abzukühlen die zertanzteFieberschwüle Stirn im Winde....
Wagen rollten in die Ferne,Trugen fort die letzten Gäste.Unterm Vordach ein Geflüster –Ein aus tiefster Brust geseufztes,Ein aus tiefster Brust erwiedertLeidenschaftliches Addio....
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 89-93, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Hengert“, Fassung 3.434.029 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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