Der Blutstropfen
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
26 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Zur Zeit der Lese war’s im WinzerhausDes Herdes goldne Flamme prasselte,Die Fensterscheiben überhauchten sichUnd draußen scholl das Evoë geisterhaftAus Nebeldämmer. Becher klangen. JungUnd Alt empfand die bacchische Gewalt.Mit einem zarten Schimmer rötetenSelbst ihr die Wangen sich, die unser GastUnd dieser Erde Gast nicht lange war,Ein stilles, scheues, ungezähmtes Kind.Zum Reigen rief Lyaeus. Jene schlichSich weg. Ins Freie blickte sie hinausDurchs Fenster. Dann beschrieb sie träumerisch,Die ganz sich unbeachtet Wähnende,Die Scheibe mit dem Finger. Weh! umstellt,Belauert wurde sie von einem SchwarmUnd überfallen. Rasch in Trümmer schlug,Das Antlitz glutbedeckt, die Scheibe sie,Sich selbst verwundend. Dieses Tüchlein hier,Das als Reliquie mir im Schreine liegt,Fing, über die verletzte Hand gelegt,Das Quellen eines Tropfen Blutes auf,Der warm ihr eben erst im Herzen rann.
Jung schwand sie hin, und kein Lebend’ger weiß,Was dort geschrieben auf der Scheibe stand –Als dieser bleiche Tropfen Bluts vielleicht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 164-165, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Blutstropfen“, Fassung 2.864.865 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.