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Versbuch

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Theodor Fontane · 18191898

42 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1905 [Erstdruck 1889]

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,Ein Birnbaum in seinem Garten stand,Und kam die goldene Herbsteszeit,Und die Birnen leuchteten weit und breit,Da stopfte, wenn’s Mittag vom Thurme scholl,Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,Und kam in Pantinen ein Junge daher,So rief er: „Junge, wist’ ne Beer?“Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,Kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn.“

So ging es viel Jahre, bis lobesamDer von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,Wieder lachten die Birnen weit und breit,Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.Legt mir eine Birne mit in’s Grab.“Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,Trugen von Ribbeck sie hinaus,Alle Bauern und Büdner, mit FeiergesichtSangen „Jesus meine Zuversicht“Und die Kinder klagten, das Herze schwer,„He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,Der neue freilich, der knausert und spart,Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt,Aber der alte, vorahnend schonUnd voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,Der wußte genau, was damals er that,Als um eine Birn’ in’s Grab er bat,Und im dritten Jahr, aus dem stillen HausEin Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,Und in der goldenen HerbsteszeitLeuchtet’s wieder weit und breit.Und kommt ein Jung’ über’n Kirchhof her,So flüstert’s im Baume: „wiste ne Beer?“Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,Kumm man röwer, ick gew’ Di ’ne Birn.“

So spendet Segen noch immer die HandDes von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 318–319, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905 [Erstdruck 1889]
Digitalisat
de.wikisource.org — „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (Fontane)“, Fassung 3.878.447 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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