Zum Inhalt springen
Versbuch

Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung

Wilhelm Busch · 18321908

158 Zeilen in 37 Strophen · zuerst gedruckt 1860

Ach, wie oft kommt uns zu Ohren,Daß ein Mensch was Böses that,Was man sehr begreiflich findet,Wenn man etwas Bildung hat.

Manche Eltern sieht man lesenIn der Zeitung früh bis spät;Aber was will dies bedeuten,Wenn man nicht zur Kirche geht?

Denn man braucht nur zu bemerken,Wie ein solches EhepaarOft sein eig’nes Kind erziehet,Ach, das ist ja schauderbar!

Ja, zum In’stheatergehen,Ja, zu so was hat man Zeit,Abgeseh’n von and’ren Dingen,Aber wo ist Frömmigkeit?

Zum Exempel, die Familie,Die sich Johann Kolbe schrieb,Hatt’ es selbst sich zuzuschreiben,Daß sie nicht lebendig blieb.

center|150pxEinen Fritz von sieben JahrenHatten diese Leute blos,Außerdem, obschon vermögend,Waren sie ganz kinderlos.

Nun wird Mancher wohl sich denken:Fritz wird gut erzogen sein,Weil ein Privatier sein Vater;Doch da tönt es leider: Nein!

Alles konnte Fritzchen kriegen,Wenn er seine Eltern bat,Aepfel-, Birnen-, Zwetschkenkuchen,Aber niemals guten Rath.

Das bewies der Schneider Böckel,Wohnhaft Nr. 5 am Eck;Kaum, daß dieser Herr sich zeigte,Gleich schrie Fritzchen: meck, meck, meck!

center|250pxOftmals, weil ihn dieses kränkte,Kam er und beklagte sich,Aber Fritzchens Vater sagte:Dieses wäre lächerlich.

Wozu aber soll das führen,Ganz besonders in der Stadt,Wenn ein Kind von seinen ElternWeiter nichts gelernet hat?

So was nimmt kein gutes Ende. –Fast verging ein ganzes Jahr,Bis der Zorn in diesem SchneiderEine schwarze That gebar.

Unter Vorwand eines KuchensLockt er Fritzchen in sein Haus,Und mit einer großen ScheereBläst er ihm das Leben aus.

center|250pxKaum hat Böckel dies verbrochen,Als es ihn auch schon schenirt,Darum nimmt er Fritzchens Kleider,Welche grün und blau karrirt.

Fritzchen wirft er schnell in’s Wasser,Daß es einen Plumpser thut,Kehrt beruhigt dann nach Hause,Denkend: So, das wäre gut!

Ja, es setzte dieser SchneiderAn die Arbeit sich sogar,Welche eines Tandlers HoseUnd auch sehr zerrissen war.

Dazu nahm er Fritzchens Kleider,Weil er denkt: dich krieg’ ich schon!Aber ach! ihr armen Eltern,Wo ist Fritzchen, euer Sohn?

In der Küche steht die Mutter,Wo sie einen Fisch entleibt,Und sie macht sich große Sorge:Wo nur Fritzchen heute bleibt?

Als sie nun den Fisch aufschneidet,Da war Fritz in dessen Bauch. –Todt fiel sie in’s KüchenmesserFritzchen war ihr letzter Hauch.

center|250pxWie erschrack der arme Vater,Der g’rad’ eine Priese nahm;Heftig fängt er an zu niesen,Welches sonst nur selten kam.

Stolpern und durch’s Fenster stürzen,Ach, wie bald ist das gescheh’n!Ach! und Fritzchens alte TanteMuß auch g’rad’ vorüber geh’n.

Dieser fällt man auf den Nacken,Knacks! da haben wir es schon!Beiden theuren AnverwandtenIst die Seele sanft entfloh’n.

center|250pxD’rob erstaunten viele LeuteUnd man munkelt allerlei,Doch den wahren Grund der SacheFand die wack’re Polizei.

Nämlich Eins war gleich verdächtig:Fritz hat keine Kleider an!Und wie wäre so was möglich,Wenn es dieser Fisch gethan?

Lange fand man keinen Thäter,Bis man einen Tandler fing,Der, es war ganz kurz nach Ostern,Eben in die Kirche ging.

center|250pxEin Gensdarm, der auf der Lauer,Hatte nämlich gleich verspürt,Daß die Hose dieses TandlersHinten grün und blau karrirt.

center|250pxUnd es war ein dumpf’ GemurmelBei den Leuten in der Stadt,Daß ’ne schwarze TandlerseeleDieses Kind geschlachtet hat.

Hochentzücket führt den TandlerMan zur Exekution;Zwar er will noch immer mucksen,Aber Wupp! da hängt er schon. –

center|125pxNun wird Mancher hier wohl fragen:Wo bleibt die Gerechtigkeit?Denn dem Schneidermeister BöckelThut bis jetzt man nichts zu leid.

Aber in der WestentascheDes verstorb’nen Tandlers fandMan die Quittung seiner HoseUnd von Böckel’s eig’ner Hand.

Als man diese durchgelesen,Schöpfte man sogleich VerdachtUnd man sprach zu den Gensdarmen:Kinder, habt auf Böckel acht!

Einst geht Böckel in die Kirche.Plötzlich fällt er um vor Schreck,Denn ganz dicht an seinem RückenSchreit man plötzlich: Meck, meck, meck!

center|250pxDies geschah von einer Ziege;Doch für Böckel war’s genug,Daß sein schuldiges GewissenIhn damit zu Boden schlug.

Ein Gensdarm, der dies verspürte,Kam aus dem Versteck herfür,Und zu Böckel hingewendetSprach er: Böckel, geh’ mit mir!

Kaum noch zählt man 14 Tage,Als man schon das Urtheil spricht:Böckel sei auf’s Rad zu flechten.Aber Böckel liebt dies nicht

Ach! die große SchneiderscheereLieß man leider ihm, und Schnapp!Schnitt er sich mit eig’nen HändenSeinen Lebensfaden ab.

center|250pxJa, so geht es bösen Menschen.Schließlich kriegt man seinen Lohn.Darum, o ihr lieben Eltern,Gebt doch Acht auf Euern Sohn.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Fliegende Blätter, Band 33, S. 108–111, Braun & Schneider, München, 1860
Digitalisat
de.wikisource.org — „Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung“, Fassung 1.838.749 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Wilhelm Busch starb 1908; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1978 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118517880 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Wilhelm Busch

Alle Gedichte von Wilhelm Busch ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Realismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.