Das Gemälde
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
102 Zeilen · zuerst gedruckt 1882
Trüb brennt der Schenke Kerzenlicht,Der Wirthin junges Angesicht,Ermüdet, schlummertrunken,Nickt auf die Brust gesunken,Denn schon ist Mitternacht vorbei.Am Schiefertische spielen Zwei,Die weißen Würfel schallen,Schlecht ist der Wurf gefallen –Ein junges wildes AugenpaarDroht aus verworrnem Lockenhaar:„Das war mein letztes Silberstück!Doch wenden muß sich jetzt das Glück!Du, Alter, mußt mir borgen!Wir spielen bis zum Morgen!“Mit grünen Katzenaugen blitztDer Alte, der im Dunkel sitzt:„Laß dich zu Bette legen,Die Mutter spricht den Segen!“Des Jungen Faust zerdrückt das GlasMit einem Fluch – „Kind, weißt du was?‚Ein Schlößlein steht auf grünem Plan‘So fängt ein altes Märchen an.Ich meine das im Walde,Hier oben an der Halde.Verschlossen sind die Fenster,Drin hausen nur GespensterFür den der an Gespenster glaubt –Sobald das Jahr den Wald entlaubt,Macht sich der Herr von hinnenVon diesen lust’gen Zinnen –Schwelgt in der Stadt im MarmorsaalUnd spielt bei luft’gem Kerzenstrahl.Kling, kling! Ich hör’ es klingen,Wie goldne Füchse springen …Dein Vater – ward mir recht gesagt? –War Pächter und ist ausgejagt …Da weißt du droben ein und aus,Du kennst den Hund, du kennst das Haus –Ich borgte mir das Spielgeld frischVon dieses reichen Mannes Tisch!Nimm was da liegt, nimm was da steht:Ein Prunkgeschirr, ein Goldgerät,Mir darfst du’s gleich verhandeln,Ich kann’s in Münze wandeln.Von selber öffnet sich der Schrein,Du müßtest nicht ein Schlosser sein …“Der Bursche lauscht mit dumpfem HirnDem höllischen Gemunkel,Ein Schatten steht auf seiner Stirn,Ein Schatten tief und dunkel:Und wieder leis und lüsternBeginnt das grimme Flüstern:„Kurt, sieh den Lauf der Welt dir an!Was wohl gelingt, ist wohl gethan!Betrachte dir die ThatenDer großen Diplomaten,Die klugen Herrn verstehn den Pfiff,Ein leiser Schritt, ein sich’rer Griff!Dann spielt man hübsch VersteckenUnd läßt sich nicht entdecken –Du blickst so wild als wollt’st du michErstechen, Kurt, besinne dich!Wo suchst du deine Schlüssel, Kurt?Du trägst den ganzen Bund am Gurt! …“Er stürzt hinaus, empört, bethört,Die Wirthin, die ihn schreiten hört,Lallt halb im Traum, sie weiß nicht wie:„Wie geht’s der Mutter? Grüße sie!“Er taumelt in die Nacht hinaus,Um seine Stirn fliegt ein GebrausBetrunkener GedankenUnd seine Schritte wanken.Er stürmt empor die StreckeZum Schloß auf Schneees Decke,Das Gitter übersteigt er leisUnd knisternd bricht das Tannenreis,Er schleicht und nach der Leiter langtEr, die am Dach der Scheune hangt,Er steht am Herrenhause schon,Er klettert über den Balkon,Sein Herz, er hört es pochenUnd hat die Thür erbrochen.Rasch ist ein Wachslicht angebrannt,Laut kracht es in der Täfelwand,Ihm steigt das Haar, hin starrt er wildUnd sieht ein farbenlieblich Bild,Von lichtem Reif umgeben,Sich aus dem Düster heben:Den Schlummer eines Knaben siehtEr, neben dem die Mutter kniet,Die blauen Augen strahlen lichtVon einer guten Zuversicht,Nicht kann den Blick er wendenVon diesen fleh’nden Händen …Da muß mit ThränenbächenDie harte Rinde brechen –Dumpf klirrend fällt der Schlüsselbund.Die Mutter dankt mit frohem Mund.Er flüchtet über den Balkon,Die Leiter trägt er schnell davon,Als wandelt’ er auf Gluten –Und wendet sich zum Guten.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 101–104, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Gemälde“, Fassung 2.228.663 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.