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Versbuch

Die Meise

Wilhelm Busch · 18321908

52 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt [1960]

Auguste, wie fast jede Nichte,Weiß wenig von Naturgeschichte.Zu bilden sie in diesem Fache,Ist für den Onkel Ehrensache.

Auguste, sprach er, glaub es mir,Die Meise ist ein nettes Tier.Gar zierlich ist ihr Leibesbau,Auch ist sie schwarz, weiß, gelb und blau.Hell flötet sie und klettert munterAm Strauch kopfüber und kopfunter.Das härt’ste Korn verschmäht sie nicht,Sie hämmert, bis die Schale bricht.Mohnköpfchen bohrt sie mit VerstandEin Löchlein in den Unterrand,Weil dann die Sämerei gelindVon selbst in ihren Schnabel rinnt.Nicht immer liebt man Fastenspeisen,Der Grundsatz gilt auch für die Meisen.Sie gucken scharf in alle Ritzen,Wo fette Käferlarven sitzen,Und fangen sonst noch MyriadenInsekten, die dem Menschen schaden,Und hieran siehst du außerdem,Wie weise das Natursystem. -So zeigt er wie die Sache lag.

Es war kurz vor Martinitag.Wer dann vernünftig ist und kann’sSich leisten, kauft sich eine Gans.

Auch an des Onkels AußengiebelHing eine solche, die nicht übel,Um, nackt im Freien aufgehangen,Die rechte Reife zu erlangen.Auf diesen Braten freute sichDer Onkel sehr und namentlichVor allem auf die braune Haut,Obgleich er sie nur schwer verdaut.

Martini kam, doch kein AromVon Braten spürt der gute Ohm.Statt dessen trat voll UngestümDie Nichte ein und zeigte ihmDie Gans, die kaum noch Gans zu nennen,Ein Scheusal, nicht zum Wiederkennen,Zernagt beinah bis auf die Knochen.Kein Zweifel war, wer dies verbrochen,Denn deutlich lehrt der Augenschein,Es konnten nur die Meisen sein.Also ade! du braune Kruste.

Ja, lieber Onkel, sprach Auguste,Die gern, nach weiblicher Manier,Bei einem Irrtum ihn ertappt:Die Meise ist ein nettes Tier.Da hast du wieder recht gehabt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Zu guter Letzt. In: Historisch-kritische Gesamtausgabe in vier Bänden. Band 4, S. 274-275, Vollmer, Wiesbaden u. Berlin, [1960]
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Meise“, Fassung 3.780.096 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Wilhelm Busch starb 1908; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1978 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118517880 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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