Zum Inhalt springen
Versbuch

Der reiche Geizhals

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

44 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Ein reicher Greis, vom Tode nicht mehr fern,Und ungeschickt, mehr Schätze zu erwerben,Ward krank, und wollte doch nicht sterben;Denn welcher Geizhals stirbt wohl gern?Er wollte nach dem Doctor schicken;Zum Glücke fiel ihm noch der harte Thaler ein,Den er genöthigt wär, ihm in die Hand zu drücken,Und also ließ ers lieber seyn.

Doch mit dem Tod ist gleichwohl nicht zu scherzen.Der Alte fühlte neue Schmerzen,Und rief den Priester in sein Haus,Und bat sich zu verschiednen malen,Denn dafür durft er nichts bezahlen,Trost auf dem Krankenlager aus.Der Priester wollt ihn itzt verlassen.Ach! bet Er, sprach der Greis, Gott wirds zu Herzen fassen,Und komm ich von dem Lager auf:So geb ich Ihm die Hand darauf,Ich will mich dankbar finden lassen.

Ich weis nicht, bat er für den Alten,Und wann er bat, bat er mit Recht?Genug, das menschliche GeschlechtSollt einen Geizhals mehr behalten;Es besserte sich mit dem Alten.

Der Priester wird geruft. Ich weis wohl, sprach der Greis,Was ich Ihm einst geredt, wenn Ers gleich nicht mehr weis.Hier seh Er selbst, was ich und meine Frau ersparten;Ich zeig Ihm nur die seltnen Arten.Steht Ihm das große Goldstück an?Da sind sie noch von größerm Werthe;Doch weil sie Gott mir wunderbar bescherte,So hab ich ein Gelübd gethan,Nicht eins von allen auszugeben,Und sollt ich hundert Jahre leben.

Will Er nunmehr die Silbermünzen sehn?Ja, lieber Herr, auch die sind schön.Hier hab ich, glaub Er mirs, mehr harte Thaler liegen,Als ich und Er zusammen wiegen;Allein sie mögen immer liegen;Sie sollen alle für mein Haus.Doch laß Er uns noch weiter gehen.Hier sieht Er die Zweydrittel stehen;Da les Er eins für seine Kinder aus,Und bitt Er Gott um Segen für mein Haus!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Drittes Buch. S. 293-294, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der reiche Geizhals“, Fassung 4.463.813 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Christian Fürchtegott Gellert

Alle Gedichte von Christian Fürchtegott Gellert ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Aufklärung

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.