Der Tanzbär
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
32 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1769
Ein Bär, der lange Zeit sein Brodt ertanzen müssen,Entrann, und wählte sich den ersten Aufenthalt.Die Bären grüßten ihn mit brüderlichen Küssen,Und brummten freudig durch den Wald.Und wo ein Bär den andern sah:So hieß es: Petz ist wieder da!Der Bär erzählte drauf, was er in fremden LandenFür Abentheuer ausgestanden,Was er gesehn, gehört, gethan!Und fieng, da er vom Tanzen redte,Als gieng er noch an seiner Kette,Auf polnisch schön zu tanzen an.
Die Brüder, die ihn tanzen sahn,Bewunderten die Wendung seiner Glieder,Und gleich versuchten es die Brüder;Allein anstatt, wie er, zu gehn:So konnten sie kaum aufrecht stehn,Und mancher fiel die Länge lang darnieder.Um desto mehr ließ sich der Tänzer sehn;Doch seine Kunst verdroß den ganzen Haufen.Fort, schrieen alle, fort mit dir!Du Narr, willst klüger seyn, als wir?Man zwang den Petz, davon zu laufen.
Sey nicht geschickt, man wird dich wenig hassen,Weil dir dann jeder ähnlich ist;Doch je geschickter du vor vielen andern bist:Je mehr nimm dich in Acht, dich pralend sehn zu lassen.Wahr ists, man wird auf kurze ZeitVon deinen Künsten rühmlich sprechen;Doch traue nicht, bald folgt der Neid,Und macht aus der GeschicklichkeitEin unvergebliches Verbrechen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 7–8, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Tanzbär“, Fassung 4.596.871 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.