Der Selbstmord
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1769
O Jüngling, lern aus der Geschichte,Die dich vielleicht zu Thränen zwingt,Was für bejammernswerthe FrüchteDie Liebe zu den Schönen bringt!
Ein Beyspiel wohlgezogner Jugend,Des alten Vaters Trost und Stab,Ein Jüngling, der durch frühe TugendZur größten Hoffnung Anlaß gab;
Den zwang die Macht der schönen Triebe,Climenen zärtlich nachzugehn;Er seufzt, er bat um Gegenliebe;Allein vergebens war sein Flehn.
Fußfällig klagt er ihr sein Leiden.Umsonst! Climene heißt ihn fliehn.Ja, schreyt er, ja, ich will dich meiden;Ich will mich ewig dir entziehn.
Er reißt den Degen aus der Scheide,Und – – o was kann verwegner seyn!Kurz, er besieht die Spitz und Schneide,Und steckt ihn langsam wieder ein.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 31, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Selbstmord“, Fassung 4.597.536 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
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