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Versbuch

Der unsterbliche Autor

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

29 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Ein Autor schrieb sehr viele Bände,Und ward das Wunder seiner Zeit;Der Journalisten gütge HändeVerehrten ihm die Ewigkeit.Er sah, vor seinem sanften Ende,Fast alle Werke seiner HändeDas sechstemal schon aufgelegt,Und sich, mit tiefgelehrtem Blicke,In einer spanischen PerückeVor jedes Titelblatt geprägt.Er blieb vor Widersprechern sicher,Und schrieb bis an den Tag, da ihn der Tod entseelt;Und das Verzeichnis seiner Bücher,Die kleinen Schriften mitgezählt,Nahm an dem Lebenslauf alleinDrei Bogen und drey Seiten ein.

Man las nach dieses Mannes TodeDie Schriften mit Bedachtsamkeit;Und seht, das Wunder seiner ZeitKam in zehn Jahren aus der Mode,Und seine göttliche MethodeHieß eine bange Trockenheit.Der Mann war bloß berühmt gewesen,Weil Stümper ihn gelobt, eh Kenner ihn gelesen.

Berühmt zu werden, ist nicht schwer,Man darf nur viel für kleine Geister schreiben;Doch bey der Nachwelt groß zu bleiben,Dazu gehört noch etwas mehr,Als, seicht am Geist, in strenger Lehrart schreiben.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 96, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der unsterbliche Autor“, Fassung 4.464.137 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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