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Versbuch

Die beiden Hunde

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

50 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Daß oft die allerbesten GabenDie wenigsten Bewundrer haben,Und daß der größte Theil der WeltDas Schlechte für das Gute hält;Dieß Uebel sieht man alle Tage;Allein wie wehrt man dieser Pest?Ich zweifle, daß sich diese PlageAus unsrer Welt verdringen läßt.Ein einzig Mittel ist auf Erden!Allein es ist unendlich schwer:Die Narren müßten weise werden,Und seht! sie werdens nimmermehr.Nie kennen sie den Werth der Dinge.Ihr Auge schließt, nicht ihr Verstand;Sie loben ewig das Geringe,Weil sie das Gute nie gekannt.

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Zween Hunde dienten einem Herrn;Der Eine von den beiden Thieren,Joli, verstund die Kunst, sich lustig aufzuführen,Und wer ihn sah, vertrug ihn gern.Er holte die verlornen Dinge,Und spielte voller Ungestüm.Man lobte seinen Scherz, belachte seine Sprünge;Seht, hieß es, alles lebt an ihm!Oft biß er mitten in dem Streicheln,So falsch und boshaft war sein Herz!Gleich fieng er wieder an zu schmeicheln:Dann hieß sein Biß ein feiner Scherz.Er war verzagt und ungezogen;Doch ob er gleich zur Unzeit bellt und schrie:So blieb ihm doch das ganze Haus gewogen;Er hieß der lustige Joli.Mit ihm vergnügte sich Lisette,Er sprang mit ihr zu Tisch und Bette;Und beide theilten ihre ZeitIn Schlaf, in Scherz und Lustbarkeit;Sie aber übertraf ihn weit.

Fidel, der andre Hund, war von ganz anderm Wesen,Zum Witze nicht ersehn, zum Scherze nicht erlesen,Sehr ernsthaft von Natur; doch wachsam um das Haus,Gieng öfters auf die Jagd mit aus;War treu und herzhaft in Gefahr,Und bellte nicht, als wenn es nöthig war.Er stirbt. Man hört ihn kaum erwähnen;Man trägt ihn ungerühmt hinaus.Joli stirbt auch. Da fließen Thränen!Seht! ihn beklagt das ganze Haus.Die ganze Nachbarschaft bezeiget ihren Schmerz.

So gilt ein Bischen Witz mehr, als ein gutes Herz!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 86-87, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die beiden Hunde“, Fassung 4.463.355 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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