Der Zeisig
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
31 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1769
Ein Zeisig wars und eine Nachtigall,Die einst zu gleicher Zeit vor Damons Fenster hiengen.Die Nachtigall fieng an, ihr göttlich Lied zu singen,Und Damons kleinem Sohn gefiel der süße Schall.„Ach welcher singt von beiden doch so schön?„Den Vogel möcht ich wirklich sehn!Der Vater macht ihm diese Freude,Er nimmt die Vögel gleich herein.Hier, spricht er, sind sie alle beide;Doch welcher wird der schöne Sänger seyn?Getraust du dich, mir das zu sagen?Der Sohn läßt sich nicht zweymal fragen,Schnell weist er auf den Zeisig hin;Der, spricht er, muß es seyn, so wahr ich ehrlich bin!Wie schön und gelb ist sein Gefieder!Drum singt er auch so schöne Lieder;Dem andern sieht mans gleich an seinen Federn an,Daß er nichts kluges singen kann.
Sagt, ob man im gemeinen LebenNicht oft, wie dieser Knabe, schließt?Wem Farb und Kleid ein Ansehn geben,Der hat Verstand, so dumm er ist.Stax kömmt, und kaum ist Stax erschienen:So hält man ihn auch schon für klug.Warum? Seht nur auf seine Mienen,Wie vortheilhaft ist jeder Zug!Ein andrer hat zwar viel Geschicke;Doch weil die Miene nichts verspricht:So schließt man bey dem ersten Blicke,Aus dem Gesicht, aus der Perücke,Daß ihm Verstand und Witz gebricht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 5–6, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Zeisig“, Fassung 4.596.870 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
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